Alfred Forke

male (1867–1944)

Wikidata ID: Q91400

Translations

270
  • A jiao yuan 阿嬌怨: A-tchiao's Kummer (Liu Yuxi 劉禹錫)
    Von fernher winkten glückverheißend ihr Mit buntem Federschmuck des Herrn Standarten. Schon ließ die Blumen fegen sie im Garten, Wollt' öffnen ihm des Goldpalastes Tür. Auf Kundschaft schickt sie eine Sklavin aus, Um schleunigst sich're Nachricht zu erlangen. Die meldet, daß der Kaiser sei gegangen Soeben in der Fürstin Ping-yang Haus.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 92.
  • Ba jiu wen yue "Qing tian you yue lai ji shi" 把酒問月 “青天有月來幾時”: An den Mond (Li Bai 李白)
    Um welche Stund' muss aufgeh'n Der Mond am klaren Tag? Ich setze nieder den Becher Und frage den Mond danach. Wie kommt's, wenn man nach ihm greifet, Dass nie man erhaschen ihn kann, Folgt doch der Mond dem Menschen Beständig auf seiner Bahn? Er schwebt wie ein weisser Spiegel Am Purpurpalaste empor; Die grünlichen Nebel zerrinnen, Und leuchtend tritt er hervor. Man sieht ihn, wie er am Abend Empor aus dem Meere steigt. Wie kommt es, dass er am Morgen In Wolken verborgen entweicht? Der weisse Mondhase stampfet In Herbstnacht Ambrosia. Im Mond lebt auch Tschang-ngo einsam. Wer ist wohl ihr Nachbar da? Es kennen die Leute von heute Den Mond nicht der alten Zeit, Doch haben die Alten am Strahle Des heutigen längst sich erfreut. Gleich Wasser zerrinnet und fliesset So alte wie Neuzeit vorbei. Es schauen alle zum Mond auf, Dem alten, der ewig neu. Mein Wunsch darum ist, dass solange Gesang noch erfreut mich und Wein, Noch manchmal das Mondenlicht falle In die gold'nen Pokale hinein.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 139f.
    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 50f.
  • Ba nan zhou zhong ye shi 巴南舟中夜市: Nächtliche Fahrt (Cen Shen 岑參)
    Durch die Felsschlucht treibt mein Schifflein, Grau der Abend sinket nieder. Bei den Fähren lärmt das Landvolk, Denn nach Hause eilt es wieder. Deutlich tönet eine Glocke Aus dem Kloster in der Nähe; In den Dörfern fern am Ufer Lichter ich entzündet sehe. Ach! die Wildgans läßt mich wissen Kunde von der Heimat Fluren. Höre ich den Schrei der Affen, Rinnen meiner Tränen Spuren. Wenn ich nachts viel tausend Meilen Fern, auf ödem Schiff alleine, Kann ich nicht mehr mich begeistern An des Herbstmond's lichtem Scheine.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 80.
  • Bai ma 白馬: Der Schimmel (Du Fu 杜甫)
    Vom Nordosten sah ich wild Einem Schimmel eilen, Leer den Sattel, der durchbohrt Von zwei langen Pfeilen. Ach, wo ist der Reiter hin, Der das Roß geritten, Und der Mut, mit dem er jüngst Noch im Kampf gestritten? Selber gab der Kommandant Den Befehl zum Morden, Und er ist um Mitternacht Selbst getroffen worden. Manches Hauses Sohn im Kampf Hat sein Blut vergossen. Wieviel eisige Tränen, ach! Sind darum geflossen.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 71.
  • Bai xin yue 拜新月: Mondverehrung (Li Duan 李端)
    Als den Vorhang sie gehoben, Sah den neuen Mond sie droben, Neigte sich ihm zugewandt Demutsvoll. Ihr leises Flehen Konnten Menschen nicht verstehen. Nordwind blies durch ihr Gewand.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 100.
    in: Gundert, Wilhelm. Lyrik des Ostens. München: Carl Hanser Verlag, 1952. p. 322.
    Note diffent punctuation marks in both publications.
  • Bai zhu qu 白紵曲: Der Tanz (Liu Shuo 劉鑠)
    Wie sie den zarten Leib bewegt, Voll üppiger Jugendfülle, Und die schneeweissen Arme regt In leichter Wolkenhülle! Die Arme hebt die schöne Maid – Wie glänzen ihre Brauen – Streckt aus die zarten Hände beid', Die durch die Gaze schauen. Ein lichter Mond ihr Körper ist Im Wolkenstrom, dem hellen; – Der schlanke Leib, er wogt und fliesst Wie windbewegte Wellen.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 50.
    in: Oehlke, Waldemar. Chinesische Lyrik und Sprichwörter. Bremen-Horn: Walter Dorn-Verlag, 1952. p. 49.
  • Bao bao jiu er shou bing yin (1) 薄薄酒二首,並引(其一): Genügsamkeit (Su Shi 蘇軾)
    Besser dünkt mich ein Trunk schlechter Wein, Als ein Aufguß von Tee zu sein; Besser ein Stoff, grob und gemein, Als ganz ohne Kleid zu sein ; Eine häßliche Frau, eine Buhle nicht fein, Als daß ich in ödem Hause allein. Früh morgens wartend in Kälte stehn, Die Schuhe bereift, ist weniger schön, Als in Hundstagsglut zur Ruhe gehn Und vom Nordfenster her sich Kühlung zu wehn. Lieber, als daß mich im Perlenkleid, mit Kästchen voll Edelstein', Zehntausend Männer zum Mang Berg geleiten und senken ins Grab hinein, Will ich im hundertfach geflickten Rocke sitzen allein Und meinen Rücken mir wärmen im Morgensonnenschein. Mancher glänzte im Leben sehr, Und genoß nach dem Tode noch Ruhm und Ehr', Aber ein Jahrhundert kommt schnell daher, Und nach tausend Jahren verbleibt nichts mehr. Po Yi, Schu Tch'i und den Räuber Tschi, Das gleiche Schicksal ereilet sie. Drum nutze den Augenblick, trink, bis du trunken bist Und Gut und Böse, Kummer und Lust vergißt.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 134.
    in: Oehlke, Waldemar. Chinesische Lyrik und Sprichwörter. Bremen-Horn: Walter Dorn-Verlag, 1952. p. 85.
  • Bao bao jiu er shou bing yin (1) 薄薄酒二首,並引(其一): Besser dünkt mich ein Trunk schlechter Wein (Su Shi 蘇軾)
    Besser dünkt mich ein Trunk schlechter Wein, Als ein Aufguß von Tee zu sein; Besser ein Stoff, grob und gemein, Als ganz ohne Kleid zu sein; Eine häßliche Frau, eine Buhle nicht fein, Als daß ich in ödem Hause allein.

    in: Oehlke, Waldemar (ed.). Seele Ostasiens. Chinesisch-japanischer Zitatenschatz. Berlin: F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung, 1941. p. 24.
    Excerpt only.
  • Bei shang xing 北上行: Der Nordfeldzug (Li Bai 李白)
    Wie ist der Marsch nach Norden doch qual'- und mühevoll, Wenn das Tai-hang-Gebirge man dort erklimmen soll! Ein steiler Hohlweg führet in Schlangenlinien hoch; Im Himmelsblau verliert sich fast das Bergesjoch. Wie manchmal hat den Fuß man an einen Stein gerannt, Wie oft das Rad der Karre stiess an die Bergeswand. Zuerst nicht weit von Yu-tschau das Sandgebirg' sich zeigt. Die Reihe der Wachtfeuer bis weit nach Norden reicht. Die Mordlust von den Schwertern und Hellebarden gleisst; Zerzaust vom grimmen Nordwind manch Kriegerkleid zerreisst. Bis an den Gelben Fluss hin zieht sich die Rebellion: Der Feind mit scharfer Wehre umlagert Loyang schon. Und weiter geht es, weiter. Wann kehret man zurück? Gar mancher denkt der Heimath, zurückgewandt den Blick. Durch Eis und Schnee marschirend, hängt nach er seinem Schmerz. Der Klageton der Hörner, er schneidet ihm in's Herz. Die Stücke Zeuges decken des Körpers Blösse nicht; Wie trockne Maulbeerborke zereisst die Haut und bricht. Man möchte Wasser schöpfen, zu tief, ach! ist die Schlucht. Nach Brennholz man vergebens auf Lössterrassen sucht. Der Tiger, aufgestöret, schlägt wüthend mit dem Schweif Wild fletschend seine Zähne, weiss wie der Herbstnacht Reif. Die Bäume und die Sträucher sind aller Früchte Baar; Verschmachtend schlürft die Mannschaft die Tropfen Thau sogar. Wie ist mit Qual und Leiden der MArsch gen Nord beschwert! So stöhnt der müde Kriegsmann, ermattet wie sein Pferd! Wann wird der Weg des Kaisers geebnet wieder sein, Dass froh wir friedlich schauen den Himmel klar und rein!

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 120f.
    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 34f.
    Note that the translation in Dichtungen differs slightly from the earlier one in Blüthen. Quoted is the one in Blüthen.
  • Bing che xing 兵車行: In den Krieg (Du Fu 杜甫)
    "Ding, Ding" rollen schwer die Wagen, Und es wiehern laut die Rosse; In dem Gürtel Pfeil und Bogen, Krieger zieh'n im großen Trosse. Väter, Mütter, Frauen, Kinder Eine Strecke mitmarschieren, Und es scheint die Hsien-yang Brücke Ganz im Staub sich zu verlieren. An die Kleider sie sich hängen, Schluchzend Krieger Knie' umklammern, Bis zum schwarz bewölkten Himmel Dringt ihr Weinen und ihr Jammern. Nach dem Ziel des Marsches fragen Leute, die des Weges kommen. "Alle sind wir ausgehoben", Wird als Antwort stets vernommen. Schon mit fünfzehn Jahren müssen Sie den Norddeich schützen wacker, Wenn schon vierzig sie geworden, Noch im Westen bau'n den Acker. Bei dem Ausmarsch hat der Dorfschulz Überreicht das Kopfband ihnen. Heimgekehrt mit weißen Haaren Soll'n sie noch als Grenzwacht dienen. Bei den Grenzstationen fließet Manches Blut und steht in Lachen, Dennoch will der Kriegerkaiser Nicht dem Kampf ein Ende machen. Hört man nicht, daß hundert Leise, Tausend Weiler, Dörfer, Flecken In dem Han Land Schantung jetzo Unkraut nur und Disteln decken? Pflug und Hacke hat die starke Gattin in die Hand genommen, Doch es stehen wirr die Staaten, Denn die Deiche sind verkommen. All des Krieges Elend haben Die Soldaten zu ertragen, Wie die Hunde und die Hühner Pflegt man sie umherzujagen. Fragt sie auch der Vorgesetzte, Was sie hätten auf dem Herzen, Wagen doch die Krieger nimmer Ihm zu künden ihre Schmerzen. Um den Grenzwall kämpft man weiter, Wenn es auch schon Winter heuer. Dringend heischt der Büttel Grundzoll, Doch woher nimmt man die Steuer? Knaben haben, das erkennt man, Nur ein schweres Mißgeschick ist; Während die Geburt der Tochter Für die Eltern noch ein Glück ist. Auf die Tochter schon des Hauses Nachbar als der Freier harret, Doch der Sohn ist bald verdorben, Wird im Rasen still verscharret. Rings des "Blauen Sees" Ufer Sieht man starren von Skeletten, Die dort lang schon ruht, denn niemand Denkt, in Erde sie zu betten. Neue Schatten hört man jammern Und die alten Geister stöhnen, Durch die Nacht und durch den Regen Ihren Klageruf ertönen.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 68f.
  • Cai lian qu er shou (2) "He ye luo qun yi se cai" 采蓮曲二首 (其二) "荷葉羅裙一色裁": Lotospflückerin (Wang Changling 王昌齡)
    Die Lotosblätter und ihr Kleid, Die schimmern beide grün, Und ihrem Antlitz sieht zur Seit' Man rote Lotos glühn. Kaum merkt man, daß im Teiche schwimmt Durch Blüten leicht ihr Kahn. Erst wenn man ihren Sang vernimmt, Erspäht man ihre Bahn.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 82.
    in: Oehlke, Waldemar. Chinesische Lyrik und Sprichwörter. Bremen-Horn: Walter Dorn-Verlag, 1952. p. 72.
  • Chang xin gong 長信宮: No title ("Der Fürst entzog seine Gunst der Maid") (Meng Chi 孟遲)
    Der Fürst entzog seine Gunst der Maid. Wem könnte ihr Leid sie klagen? Noch haftet sein Duft an ihrem Kleid, Das jüngst sie beim Tanz getragen. Ach! könnte sie den Körper leicht In der Luft wie die Schwalbe wiegen, Dann würde sie im Lenz vielleicht Vor des Kaisers Fenster fliegen.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 101.
    in: Oehlke, Waldemar (ed.). Seele Ostasiens. Chinesisch-japanischer Zitatenschatz. Berlin: F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung, 1941. p. 78.
    in: Fink-Henseler, Roland W. (ed.). Brevier fernöstlicher Weisheit. Sprichwörter, Aphorismen und Gedichte aus Japan und China. Bayreuth: Gondrom Verlag, 1984. p. 94.
    Note that in "Seele Ostasiens" and "Brevier fernöstlicher Weisheiten" the Poem has no title. Also note that Forke puplished the same translation under the title "Im Palast".
  • Chang xin gong 長信宮: Im Palast (Meng Chi 孟遲)
    Der Fürst entzog seine Gunst der Maid. Wem könnte ihr Leid sie klagen? Noch haftet sein Duft an ihrem Kleid, Das jüngst sie beim Tanz getragen. Ach! könnte sie den Körper leicht In der Luft wie die Schwalbe wiegen, Dann würde sie im Lenz vielleicht Vor des Kaisers Fenster fliegen.

    in: Oehlke, Waldemar. Chinesische Lyrik und Sprichwörter. Bremen-Horn: Walter Dorn-Verlag, 1952. p. 78.
    Note that Forke puplished the same translation under the title "Im Tschang-hsin Palast".
  • Che yao yao pian 車遙遙篇: Der Schatten (Fu Xuan 傅玄)
    Sein Wagen rollt in die Ferne hin, Die munteren Rosse springen. Ihm folgt mein Herz; zu vergessen ihn, Das will mir nimmer gelingen. Wo führt jetzt der Weg den Geliebten mein? Wird im Westen nach Tsin er gelangen. O könnte ich der Schatten sein, Und an seinem Leibe hangen! Doch da, wenn's dunkel um ihn her Sein Schatten wird zunichte, So wünsche ich, dass stets mein Herr Sich freue am Sonnenlichte.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 27.
  • Cheng yang kang guo 呈楊康國: Im Obstgarten (Huang Tingjian 黃庭堅)
    Prächtig sind in diesem Herbste Deine Lo-fou Obst Bestände, Dicke Büschel hängen nieder, Schlagen an die Gartenwände. Laß die Knaben ab nicht werfen Schon die sauern und die herben. Wart', bis nach dem ersten Froste Alle völlig gelb sich färben.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 158.
  • Chou meng yun qing 酬孟雲卿: An Mêng Yün-tching (Du Fu 杜甫)
    Bringt der Freude Überschwang Auch mir Greis oft Schmerzen, Seh' ich doch in nächtigen Stund' Gern die roten Kerzen. Unsere Zusammenkunft Darf zu früh nicht enden, Und es soll die Trennung nicht Sich zu schnell vollenden. Fürchte nur, der Himmelsstrom Wird zu bald versinken. Lassen wir die Becher dann Leer, ohn' draus zu trinken? Morgen früh schon reißet uns Fort das Weltgetümmel: Jeder seine Tränen weint Unter ander'm Himmel.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 61.
  • Chu du lai chen suo cheng chuan shang you ti xiao shi ba shou bu zhi he ren gan yu yu xin zhe liao wei he zhi (2) "Niao le wang zhi fu" 出都來陳所乘船上有題小詩八首不知何人有感於余心者聊為和之(其二)"鳥樂忘置罦": Resignation I (Su Shi 蘇軾)
    Das Netz vergißt das lust'ge Vögelein, Das Fischlein froh vergißt der Angel Pein. Weshalb stets suchen einen Ruheort Im Strom der Welt, der alles reißet fort ?

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 128.
  • Chu du lai chen suo cheng chuan shang you ti xiao shi ba shou bu zhi he ren gan yu yu xin zhe liao wei he zhi (8) "Wo shi sui yun zhuo" 出都來陳所乘船上有題小詩八首不知何人有感於余心者聊為和之(其八)“我詩雖雲拙”: Resignation (II) (Su Shi 蘇軾)
    Mag man auch schelten meiner Lieder Klang, Still ist mein Herz, und friedlich tönt mein Sang. Seit Jahren fühl ich nicht mehr Weh und Ach. Ein alter Brunnen bin ich ohne Wellenschlag.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 129.
    in: Oehlke, Waldemar. Chinesische Lyrik und Sprichwörter. Bremen-Horn: Walter Dorn-Verlag, 1952. p. 84.
    In Chinesische "Lyrik und Sprichwörter" the poem is titled "Resignation", while in "Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit" it is titled "Resignation II" in order to distinguish it from another identically titled poem.
  • Chu zhi ba ling yu li shi er bai pei jiu tong fan dong ting hu san shou (2) "Feng an fen fen luo ye duo" 初至巴陵與李十二白裴九同泛洞庭湖三首(其二)“瘋岸粉粉落葉多”: Auf dem Tung-t'ing See (Jia Zhi 賈至)
    An des Tung-t'ing Uferrande Dicht die Ahornblätter fallen. Erst am Abend sieht am Strande Man die Herbsteswogen wallen. Ziellos hat uns heitres Wölkchen Auf dem See ein Boot getragen Mit dem Mond und weißen Wölkchen Woll'n die Hsiang-ngo wir beklagen.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 77.
  • Chu zi ji bei men xing 出自薊北門行: Kampflieder III, "In den öden Nordgefilden" (Li Bai 李白)
    In den öden Nordgefilden Lagern der Barbaren Scharen. Es entsenden die Plejaden Ihren Glanz, den leuchtend klaren. Eingegang'ne Eil-Erlasse Meldeten die Schreckensnachricht. Hell die Flammenzeichen lodern, Sie erlöschen Nacht und Tag nicht. Mit dem Bambuszeichen eilt man, Um das Grenzland zu befreien Aus des Feind's Gewalt; Kriegswagen Fahren auf in dichten Reihen. Und nicht länger ruhig sitzen Auf der Matte mag der Feldherr. Heftig fühlt sein Herz er schlagen; In der Hand den Schwertknauf hält er. Fortgeschoben an den Rädern Rollt des kühnen Führers Wagen. Fahnen und Standarten werden Auf das Schlachtgefild getragen. Es durchtobt die sandige Wüste Gobi wildes Schlachtgetümmel; Mordgeschrei und Kampfeswüten Dringt empor zum blauen Himmel. Unterhalb des "Roten Berges" Sind die Truppen aufmarschieret, Und der Fuß der großen Mauer Durch Feldlager wird flankiert. Bei der starren Winterkälte Wild die Sandstürme sich hetzen. Von Standarten und Panieren Hängt das Zeug herab in Fetzen. Weithin durch die Mondnacht tönen Hörner laut mit dumpfen Klängen. In der Kriegerkleider Falten Bleibt der weiße Nachtreif hängen. Mit dem Schwerthieb trennt vom Rumpf Man das Haupt dem Lou-lan König, Durch den Pfeil vom krummen Bogen Fall'n der Häuptlinge nicht wenig. Röchelnd liegen hingestrecket Viele Khane der Barbaren. Da ergreift die Furcht die andern, Es entfliehen ihre Scharen. An den Sohn des Himmels sendet Eilig man die Siegeskunde, Heim nach Hsien-yang geht's, es tönet Froher Sang von Mund zu Munde.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899.
    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 36f.
  • Chun gui 春歸: Rückkehr im Frühling (Du Fu 杜甫)
    Es führt ein moosbedeckter Pfad Zum Fluß beim Bambushaine. Weit ragt das Strohdach vor und schützt Das Blumenbeet am Raine. Gar mancher Zyklus floß dahin, Seitdem ich ging von hinnen. Jetzt, wo zurückgekehrt ich bin, Will just der Lenz beginnen. Gestützt auf meinen Stab sah ich Den Felsblock einsam liegen, Die Kanne leerte ich und bin Zum Strand hinabgestiegen. Die Möven schwimmen auf dem Fluß, Sie ruhen aus und schweigen. DIe leichten Schwalben trägt der Wind, Die schräg im FLug sich neigen. Wohl führet meines Lebens Pfad Durch manche Hindernisse. Ein Trost, daß einst das Ende kommt Der Leiden, das gewisse. Jetzt ist mein Geist ganz nüchtern noch, Bald ist er wieder trunken: Es soll'n an meinem Herde sprühn Stets der Begeisterung Funken.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 64.
  • Chun jiang qu 春江曲: Abfahrt (Xiao Gang 蕭綱)
    Ihn zieht es fort ins ferne Land, Möcht schnell den Strom durchqueren, Sieht sie nicht, die am Ufersrand Ihm Lebewohl winkt mit der Hand Und trocknet ihre Zähren.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 60.
    in: Oehlke, Waldemar. Chinesische Lyrik und Sprichwörter. Bremen-Horn: Walter Dorn-Verlag, 1952. p. 50.
  • Chun jin si jue ju (1) "Run hou yang he la li hui" 春近四絕句(其一)"閏後陽和臘裏回": Vorzeitiger Frühling I (Huang Tingjian 黃庭堅)
    Nach einem Schaltmond ward's schon wieder mild Zur Sonnenwende. Es regnet sacht, und Dunkelheit umhüllt Haus und Gelände. Die Ulmen knospen, und am Weidenzweig Sieht grün man's sprießen. Ich glaube beinah, durch das Fenster gleich Zwei Schwalben schießen.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 158.
  • Chun jin si jue ju (2) "Ting tai jing yu ya chen sha" 春近四絕句(其二)"亭臺經雨壓塵沙": Vorzeitiger Frühling II (Huang Tingjian 黃庭堅)
    Beim Pavillon hat Sand und Staub bezwungen Des Regens Naß. Der Frühling naht. Ich bin umhergesprungen Und freu' mich baß, Frohlockend, daß, da so gering die Kälte, Der Schnee blieb aus. Ein Blümlein schaut, eh' ein der Lenz sich stellte, Am Wall heraus.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 158.
  • Chun meng 春夢: Frühlingstraum (Cen Shen 岑參)
    Der Frühlingswind umspielte Im Schlaf mich gestern Nacht: Ich hab' an die ferne Geliebte Am Ufer des Hsiang gedacht. Den Augenblick, als auf dem Kissen Ich träumte den Frühlingstraum, Durcheilt' ich bis südlich vom Yangtse Viel tausend Meilen den Raum.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 79.
    in: Oehlke, Waldemar. Chinesische Lyrik und Sprichwörter. Bremen-Horn: Walter Dorn-Verlag, 1952. p. 74.
  • Chun meng 春夢: No title ("Der Frühlingswind umspielte") (Cen Shen 岑參)
    Der Frühlingswind umspielte Im Schlaf mich gestern nacht: Ich hab' an die ferne Geliebte Am Ufer des Hsiang gedacht. Den Augenblick, als auf dem Kissen Ich träumte den Frühlingstraum, Durcheilt' ich bis südlich vom Yangtse Viel tausend Meilen den Raum.

    in: Oehlke, Waldemar (ed.). Seele Ostasiens. Chinesisch-japanischer Zitatenschatz. Berlin: F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung, 1941. p. 140.
    in: Fink-Henseler, Roland W. (ed.). Brevier fernöstlicher Weisheit. Sprichwörter, Aphorismen und Gedichte aus Japan und China. Bayreuth: Gondrom Verlag, 1984. p. 25.
  • Chun ri yi li bai: "Bai ye shi wu di" 春日憶李白“白也詩無敵”: An Li T'ai-po II (Du Fu 杜甫)
    In seinen Gedichten niemand Dem Li T'ai-po je gleicht; Die Kühnheit seiner Gedanken Von niemand wird erreicht. Sie sind so frisch, so neu stets Wie die des Dichters Yü, Und edler und graziöser Ist Pao-tschao's Sprache nie. Im Norden des Wei die Bäume Im Frühlingskleide stehn, Und östlich vom Kiang die Sonne In Wolken will untergehn. Wann werden wir wieder leeren Zusammen den Weinpokal, Und über Kunst und Dichtung Ernst reden noch einmal?

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 66f.
    in: Oehlke, Waldemar. Chinesische Lyrik und Sprichwörter. Bremen-Horn: Walter Dorn-Verlag, 1952. p. 63.
    Alternative titel "An Litaipo" in "Chinesische Dichtungen und Lyrik".
  • Chun ri za xing shi shou (5) "Dong fang you mei ren" 春日雜興十首(其五)"東方有美人": Die Einsame (Qin Guan 秦觀)
    Im Osten unseres Landes Da lebt eine schöne Frau. Ihr liebliches Antlitz gleichet Den Frühlingsblüten genau. Nur ihren Schatten umarmend, So harrt sie in Einsamkeit, Und starren Blickes verkündet Im Zitherspiel sie ihr Leid. Warum sind seine Töne So voll von herbem Schmerz? Weil fern wie der Milchstrom am Himmel Der Mann, dem gehört ihr Herz. Zu baden sich und zu schmücken, Das wäre vergebliche Müh', Denn niemand ist ihr zur Seite Am Abend und in der Früh'. Des Herzens wilde Gefühle, Die preßt sie zurück mit Gewalt. Der herrliche Mond erscheinet, Auch er versinket gar bald. Doch listig blickt er im Sinken Noch in ihr Fensterlein, Es fällt auf den stillen Vorhang Der Morgenröte Schein. Die Blumen und Pflanzen blühen Und duften Jahr für Jahr, Und jede Nacht erschimmern Die hellen Sterne klar. Die Zeit wird sicher einst kommen Der Wiedervereinigung — Weshalb drum seufzen und klagen? — Wenn sie geharrt genung.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 156.
  • Chun ri zui qi yan zhi 春日醉起言志: Im Rausch (Li Bai 李白)
    Da unser ganzes Leben Nichts ist als ein großer Traum, Weshalb dem Hasten und Streben D'rin geben so großen Raum? Den ganzen Tag drum trink' ich, Berausche mich im Wein, Und endlich nieder sink' ich Und schlaf' auf der Schwelle ein. Bei meinem Erwachen am Morgen Schau' ich vor dem Haus umher. Im Busch, zwischen Blüten verborgen, Ein Vöglein ich singen hör'! Ich richte daran die Frage, In welcher Zeit wir denn sei'n. Es sagt: "Es sind Maientage, Da zwitschern die Vogelei." Die Kunde drückt mich Neider, Ich möchte seufzen wohl, Doch greif' ich zum Weine wieder, Schenk' einen Becher mir voll. Ich trink' und sing' meine Lieder, Bis daß der Mond sich zeigt, Das Lied versummt, und wieder Bewußtsein mir entweicht.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899.
    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 49f.
  • Chun ti hu shang 春題湖上: Am Hsi-hu (Bai Juyi 白居易)
    An den See der Frühling trat, Hat sein Bild entfaltet; Um die Wasserfläche ziehn Berge, vielgestaltet. Auf den Bergen und im Tal Tannenwälder schimmern, In den Well'n vom Mond entfacht Helle Perlen flimmern. Grüne Teppichfäden gleich Sproßt das Frühgetreide Junge Binsen sind der Saum Eines Rocks aus Seide. Wirklich, ich vermag noch nicht Hangtschou preiszugeben. Was mich halb zurück noch hält Ist sein See ja eben.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 98.
  • Chun xue "Xin nian dou wei you fang hua" 春雪 "新年都未有芳華": Frühlingsschnee (Han Yu 韓愈)
    Duft'ge Blüten hat noch nicht gespendet Uns das neue Jahr, Und wir werden, wenn der Mond sich wendet, Knospen erst gewahr. Es mißfällt des Frühlings langes Warten Wohl dem weißen Schnee, Drum bedeckt er ganz den Baum im Garten, Daß in Blüt' er steh'.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 84.
  • Chun ye 春夜: Frühlingsnacht (Su Shi 蘇軾)
    Tausend Gulden wert ich acht' Eine Viertelstunde Einer duft'gen Frühlingsnacht Mit dem Mond im Bunde. Vom Altan zur Flöte klingt Sanft ein Lied; die Schaukel schwingt Noch zur Geisterstunde.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 136.
  • Chun yong shi "Chun cong he hu lai" 春詠詩 "春從何處來": Trost in der Trennung (Wu Jun 吳均)
    Woher kommt der Frühling warm Nur einher geschritten? An den Kleidern zerrt sein Arm; Zaust die Pflaumenblüthen. Das Portal aus buntem Glas Eine Wolk' umhüllet; Und die Lebensthau-Terrass' Frisch der Wind umspielet. Tausend Meilen sind es schier, Die vom Schatz mich trennen, Und es will ihr Vorhang mir Keinen Zutritt gönnen. Wenn ich denn des Plauderns soll Mit dem Lieb entbehren, Will ich einsam auf ihr Wohl Dieses Glas doch leeren.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 72.
  • Chun yuan 春怨: Im Goldpalast (Liu Fangping 劉方平)
    Vom Fenster aus sieht man sinken Die Sonne. Der Abend graut. Die Spuren ihrer Tränen Hat niemand im Goldhaus geschaut. Lenz stirbt. Aus dem öden Palaste, Da tönt kein Laut hervor. Die Birnbaumblüten fallen; Verschlossen bleibt das Tor.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 100.
  • Ci wu ye ti 慈烏夜啼: Nächtliche Klage einer Krähe (Bai Juyi 白居易)
    Eine Krähe die geliebte Mutter durch den Tod verlor, Und sie stieß im Klagetone Immer ihr "kra, kra" hervor. Nicht am Tage und auch nachts nicht Flog sie fort von ihrem Horst, Sondern blieb das ganze Jahr durch Unentwegt im alten Forst. Also tönten ihre Klagen Tag für Tag, die halbe Nacht, Und gar manchen, der es hörte, Hat zu Tränen sie gebracht. Ist es doch, als ob die Stimme Klagend diese Worte spricht: "Noch hab' ich die liebevolle Fütterung vergolten nicht". Haben nicht die andern Vögel Eine Mutter so wie du? Warum bist nur du so traurig, Daß du jammerst immerzu? Sicherlich hat deine Mutter Dich geliebet einst gar sehr; Das erkläret deinen Kummer; Deshalb ist dein Schmerz so schwer. Als vor vielen, vielen Jahren Starb die Mutter des Wu Tch'i, Hielt er fern sich dem Begräbnis Und betrauerte sie nie. Ach! es gibt auf Erden leider Leute auch von diesem Schlag. Menschen ohne Herzensgüte Stehn sogar den Vögeln nach. Oh, die Liebe dieser Krähe! Diese Kräh' so liebereich Ist an Treue unter allen Vögeln ganz dem Tsêng-tse gleich!

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 97f.
  • Ci yun hui wen san shou (1) "Chun ji man zhi hui wen jin" 次韻回文三首 (其一 ) "春機滿織回文錦": Die Verlassene, I "Am Webstuhl im Lenz gewebt sie hat" (Su Shi 蘇軾)
    Am Webstuhl im Lenz gewebt sie hat Ein Palindrom in den Seidenbrokat. Die Träne rinnt, und die Schminke zerläuft Und wie Tau auf den Baum am Brunnen träuft. Fern ist der Mann, dem sie Liebe geweiht, Der in einem Briefchen sie Ausdruck verleiht, Im Abendrot schimmert der Weidenflaum, Und einsam bleibt sie im öden Raum.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 146.
  • Ci yun hui wen san shou (2) "Hong qian duan xie kong shen hen" 次韻回文三首 (其二) "紅箋短寫空深恨": Die Verlassene, II "Nur wenig schreibt sie auf rotem Papier" (Su Shi 蘇軾)
    Nur wenig schreibt sie auf rotem Papier Dem Gatten und will verzweifeln schier; Den Kehrvers stickt sie in Seide ein, Das Herz zerrissen von wilder Pein. Die welken Blätter, vom Winde erfaßt, Sie stören der träumenden Falter Rast. Vom Grenzwall traf eine Wildgans ein, Sie soll ihre Liebesbotin sein.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 147.
  • Ci yun yue zhu zuo song jiu 次韻樂著作送酒: Die Macht des Weines (Su Shi 蘇軾)
    Die Jugend, wenn ein Schmerz sie drückt, Flieht ängstlich jeden Becher. Wir sind von jedem Trunk entzückt, Wir alt ergrauten Zecher. Zehntausend Zuber Herzenspein Wie Schnee sind sie zu schauen, Ein Kännchen heißer Frühlingswein Vermag sie aufzutauen.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 135.
  • Da feng 大風: Der Sturmwind (Liu Bang 劉邦)
    Es hub ein grosser Sturmwind an, Wild wogt's im Wolkenmeere. Jetzt, da die Welt mir unterthan, Zu meinem Dorf ich kehre, Nur fehlt mir noch der starke Mann, Des Reiches Schirm und Wehre.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 3.
  • Da mai xing 大麥行: Im Kriege (Du Fu 杜甫)
    Gelb sind schon des Weizens Ähren, Und die Gerste reift in Bälde: Um den Gatten, der im Felde, Fließen jetzt der Gattin Zähren. Ist gen Osten er gefahren? Westlich, bis in Liang-tschou's Nähen? Wer besorgt das Sichelmähen? Nur Tibeter und Tartaren. Wohl dreitausend Mann sein müssen Dort von Schu die wackren Streiter, Manche Nöte hat ihr Leiter In den Bergen, an den Flüssen. Könnte, ach! auf Vogelflügeln Der Ersehnte heimwärts streben, Und auf weißen Wolken schweben Zu den heimatlichen Hügeln!

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 71.
  • Da sheng yu mo yin jiu 答聖俞莫飲酒: Trinkverbot (Ouyang Xiu 歐陽修)
    Freund, du hast mich jüngst gebeten, Doch dem Weine abzuschwören. Dafür möchte ich dir raten, Mit dem Dichten aufzuhören. Vögel und Insekten fliegen Singend auf die Blütenbäume. Dauernd wechseln die Geschöpfe Und verwirren meine Träume. Morgens singe ich kopfschüttelnd, Runzele die Brau'n am Abend, Wie man Leber pflegt und Nieren Von Han Yü vernommen habend. Dieser Greis pflegt seinen Worten Aber selbst nicht nachzuleben. Ist es besser nicht im Rausche Das Bewußtsein aufzugeben? Wurden jene, die nicht tranken, Je befreit vom Todeszwange? Will man gute Werke tuen, Zögere man nicht zu lange. Tugendübung ist der heiligen Weisen des Jahrhunderts Stärke, Und bei andern schätzt die Nachwelt Tausend Jahr noch ihre Werke. Doch die übrigen, sie trinken Und berauschen sich an Weinen, Bis der Dinge Gegensätze Ausgeglichen ihnen scheinen. Daß der Leib, das Fleisch vergehen, Lehren beide Anschauungen. Welche wird in diesem Streite Von der andern wohl bezwungen? Von des Lebens Läng' und Kürze Lohnt sich's nicht zu diskutieren Und von hundert Jahr' noch Fristen Kurz und lang zu statuieren. Deshalb trinke unverdrossen, Doch Gedichte schreib' darum nicht. Höre, Freund, auf meine Worte, Denn sie sind doch wohl so dumm nicht.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 113f.
  • Dai ge sha men qi guo xiao yu zuo shi er shou (2) "Jun zi jiang yao yi" 代葛沙門妻郭小玉作詩二首 (其二) "君子將遙役": Abschiedsgaben (Bao Linghui 鮑令暉)
    Mein Herr gab, als zur Reise Er sich hat angeschickt, Mir eine Seidenrolle, Zwei Sprüche drauf gestickt. Auch liess, als grade nahte Der Trennungsaugenblick, Er mir zum Angedenken, Dies Kissen noch zurück. Es hält die beiden Sprüche Mein Herz in treuer Hut, Und bei dem Kissen denk' ich, Wie wir darauf geruht. Seit meines Gatten Abschied Gar mancher Tag verfloss, Doch fühlt' ich meine Liebe Niemals so stark und gross.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 47f.
  • Dai su shu guo fu shi 代蘇屬國婦詩: Su-wu's Gattin (Xiao Yan 蕭衍)
    Mein Mann hat eine Zeit bestimmt, Wo wir uns wiedersähen, Doch hat er diesen Zeitpunkt längst Lassen vorübergehen. Die Sonnenwende naht bereits Vom Herbstwind eingeführet, Und auf den Treppenstufen schon Der Rauhfrost weiss gefrieret. Auf meinem kalten Kissen ruh' Ich einsam und verlassen, Und schaue durch den Bettvorhang Den öden Mond, den blassen. Da hör' ich vom Nordwesten her Die wilden Gänse ziehen, Ich glaube, dass vom kalten Meer Sie jetzt landeinwärts fliehen. Und sieh! in ihrem Schnabel bringt Die eine mir ein Schreiben, Zehntausend Li weit: drin er sagt, Dass wir getrennt noch bleiben. Vom Scheiden und von Trennung nur Spricht immer er auf's Neue, Doch leider fügt er nie hinzu, Ob mein er denkt in Treue. Oft stehlen wilde Räuber ihm Die Schafe aus der Hürde; Ihm dienet nur als Hirtenstab Das Zeichen frü'rer Würde. Die Seidenrolle hab' ich kaum Gelesen bis zum Schlusse, Da brechen Thränen schon hervor In ungehemmtem Flusse. Bis in den Tod bewahret ihm Mein Herz das Treugelöbniss, Von fern erhalt ich sein Gedicht: "Gemeinsames Begräbnis".

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 53f.
  • Dao yi 擣衣: Sie weiß, im Kriege bleibet (Du Fu 杜甫)
    Sie weiß, im Kriege bleibet Ihr Mann zur Herbsteszeit, Reibt glatt den Stein und legt hin Zum Waschen sich bereit. Die bitterkalten Monde, Die stehen vor der Tür, Dazu fühlt sie die Schmerzen Der Trennung für und für. Die Mühen des Wäscheschlagens, Des Glättens trägt sie gern; Muß doch die Wäsche schicken Bis zu dem Grenzwall fern. Wohl spannt sie im Frauengemach An ihre Kräfte all. O hörte durch den Luftraum Ihr Gatte den Widerhall!

    in: Oehlke, Waldemar (ed.). Seele Ostasiens. Chinesisch-japanischer Zitatenschatz. Berlin: F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung, 1941. p. 79.
  • Dao yi 擣衣: Die Wäscherin (Du Fu 杜甫)
    Sie weiß, im Kriege bleibet Ihr Mann zur Herbsteszeit, Reibt glatt den Stein und legt ihn Zum Waschen sich bereit. Die bitterkalten Monde, Die stehen vor der Tür, Dazu fühlt sie die Schmerzen Der Trennung für und für. Die Mühen des Wäscheschlagens, Des Plättens trägt sie gern; Muß doch die Wäsche schicken Bis zu dem Grenzwall fern. Wohl spannt sie im Frauengemache An ihre Kräfte all. O hörte durch den Luftraum Ihr Gatte den Wiederhall!

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 73.
    in: Oehlke, Waldemar. Chinesische Lyrik und Sprichwörter. Bremen-Horn: Walter Dorn-Verlag, 1952. p. 63.
    Translation quoted from "Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit (Hamburg 1929) p. 73.
  • De she di xiao xi "Luan hou shui gui de" 得舍弟消息“亂後誰歸得”: An den Bruder (Du Fu 杜甫)
    Wirst du jetzo heim wohl streben, Seit man Frieden hat, Keinem Ort den Vorzug geben Vor der Vaterstadt? Tief bekümmert sinn' ich lange, Ob am Leben du, Ob zu dir ich erst gelange, Wenn im Tod' ich ruh'? Deine Bücher stehn noch immer Alle an der Wand, Deine Buhle schon auf Nimmer- Wiedersehn verschwand. Einer noch tut sein Verlangen, Seine Sehnsucht kund: Neben mir den Kopf läßt hangen Noch dein alter Hund.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 72.
  • De she di xiao xi "Luan hou shui gui de" 得舍弟消息“亂後誰歸得”: Deine Bücher stehn noch immer (Du Fu 杜甫)
    Deine Bücher stehn noch immer Alle an der Wand, Deine Buhle schon auf Nimmer- Wiedersehn verschwand. Einer noch tut sein Verlangen, Seine Sehnsucht kund : Neben mir den Kopf läßt hangen Noch dein alter Hund.

    in: Oehlke, Waldemar (ed.). Seele Ostasiens. Chinesisch-japanischer Zitatenschatz. Berlin: F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung, 1941. p. 97.
  • Deng yan zhou cheng lou 登兖州城樓: Besteigung des Stadtturmes von Yen-tschou (Du Fu 杜甫)
    Als in Yen-tschou ich zurücke, Eilt' ich durch die Hall', Ließ vom Südturm aus die Blicke Schweifen überall. Meer und T'aischan sah verbinden Ich ein Wolkenband Und in Tch'ing und Hsü verschwinden Fern das flache Land. Einsam ragt und scheint zu dauern Nur das Tch'in Tablett, Und in halbzerfallenen Mauern Noch das Lu-Schloß steht. Hin zum Altertums immer War mein Geist gewandt. Schau' ich jetzt die alten Trümmer, Steh' ich festgebannt.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 58f.
  • Di qu yue ge "Yue ming guang guang xing yu zhui" 地驅樂歌 "月明光光星欲墮": Ungeduld (Anonymous (Lu Qinli))
    Die Sterne schon niedergleiten, Es bleicht des Mondes Licht. O, sage mir bei Zeiten: Kommst oder kommst du nicht?

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 20.
  • Ding qing shi 定情詩: Getäuschte Erwartung (Fan Qin 繁欽)
    Vom Ostthor her schritt fröhlich ich feldein - Ein frischer Wind mir dort entgegen kam - Ich dacht' an meinen Schatz im Kämmerlein, Wie Hut und Kleid ich ihm entgegennahm. Noch kommt zum Stelldichein er nicht herbei, Am Wege sehe nur ich fremde Leut': Ich denke still für mich, wie schön er sei, Und wie auch er sich meiner Schönheit freut. Dass seine Sinne wirklich an mir hangen, Das sagen mir am Arm die goldnen Spangen, Und dass sein Streben ganz mir zugewandt, Verbürgen mir die Ringe an der Hand. Zum Zeichen, dass zum Schatz er mich erkor, Hing beide Perlenring' er mir an's Ohr; Ein Unterpfand, dass er mich liebt so warm, Ist's Säckchen mit Parfum an meinem Arm. Was sagt mir, dass er meiner eingedenk? Die Ring', geschlungen um das Handgelenk. Wodurch hat seine Gunst er kundgethan? Durch Perlengürtel, Seidenfransen dran. Was macht mir seine Freundschaft offenbar? Der goldplattirte Pfeil in meinem Haar. Wie hat den Trennungsschmerz er abgelenkt? Durch Schildplattnadeln, die er mir geschenkt. Was gab er mir zum Zeichen seiner Freude? Drei weisse Röck' aus zarter, weicher Seide. Wodurch erheitert er den trüben Sinn? Durch zwei schneeweisse Kleider aus Musslin. --- Wohin entbot er mich zum Stelldichein? Am Fuss des Ostbergs sollt' ich treffen ihn. Schon wird es Tag, doch er stellt sich nicht ein: Der Thalwind weht an meinen Kleidern hin. Unstät schweif' ich umher, der Blick wird trüb: Vergebens schau' ich aus nach meinem Lieb. Wohin entbot er mich zum Stelldichein? Am Südabhang wollt' stehen er bereit. Schon Mittag ist's, doch er stellt sich nicht ein; Im Südwind flattert hin und her mein Kleid. Vergebens spähe ich wohl in die Weite; Der Sehnsuchtsschmerz durchwühlt mein Eingeweide. Wohin entbot er mich zum Stelldichein? Am Westberg wollt' er harren meiner traut. Die Sonne sinkt, doch er stellt sich nicht ein; Ich wandle müden Schritts und seufze laut. Von fernher fühl' ich wehn den Wind, den kalten, Er hebt und senket meines Kleides Falten. Wohin entbot er mich zum Stelldichein? Zum Nordberg wollte kommen er geschwind. Schon ist es Nacht, doch er stellt sich nicht ein; In meinen Mantel bläst ein eisiger Wind. Bange Erwartung raubt mir jede Ruh', Schmerz und Verzweiflung schnürt die Brust mir zu. --- Mein Liebreiz ihn nicht mehr gefesselt hält, Da er die Traute sein so schnell verliess. Als er zum Stelldichein mich hat bestellt, War seiner Liebe ich noch ganz gewiss. Die Kleider hochgeschürzt schritt ich durch's Grün, Und dacht', mein Liebster ist nicht ränkevoll. Jetzt, da ich garstig, hässlich für ihn bin, Weiss ich nicht, wohin ich mich wenden soll. Was ich geliebt, muss ich verloren wähnen: Wie Seidenfäden fliessen meine Thränen.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 16f.
  • Dong po ba shou bing xu (8) "Ma sheng ben qiong shi" 東坡八首 並敘 (其八) "馬生本窮士": Ein treuer Freund (Su Shi 蘇軾)
    Freund Ma ist ein Gelehrter, Dem's stets an Geld gebricht; Seit zwanzig Jahren weicht er Mir von der Seite nicht. So hofft er Tag und Nächte, Ich möcht' berühmt bald sein ; Will, einen Berg zu kaufen, Das Geld von mir dann leih'n. Statt dessen möcht' ich selber Von ihm mir borgen Geld, Denn just sah brach ich liegen Ein wunderschönes Feld. Von Schildkröt' Rücken Haare Könnt' kämmen man noch eh'r. Wie lang wohl müßt' man warten, Bis es ein Teppich wär' ? Des guten Freundes Einfalt Ist höchst bedauerlich : Bis jetzt preist er beständig Als einen Weisen mich. Die andern alle lachen, Er ändert nicht den Sinn, Daß sein Vertrau'n ihm bringe Noch tausendfach Gewinn.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 135-136.
  • Dong po ba shou bing xu (8) "Ma sheng ben qiong shi" 東坡八首 並敘 (其八) "馬生本窮士": Freund Ma ist ein Gelehrter (Su Shi 蘇軾)
    Freund Ma ist ein Gelehrter, Dem's stets an Geld gebricht; Seit zwanzig Jahren weicht er Mir von der Seite nicht. So hofft er Tag und Nächte, Ich möcht' berühmt bald sein, Will, einen Berg zu kaufen, Das Geld von mir dann leih'n.

    in: Oehlke, Waldemar (ed.). Seele Ostasiens. Chinesisch-japanischer Zitatenschatz. Berlin: F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung, 1941. p. 155.
    Excerpt only.
  • Dong ri fang yan er shi yi shou (4) "Xiao er xi xue shu" 冬日放言二十一首(其四)"小兒喜學書": Wintersonne (Zhang Lei 張耒)
    Dem Söhnlein macht das Lernen Des Schreibens besondern Spaß. Sein Bogen ist vollgeschrieben, Wie wenn eine Kräh' drauf saß. Die Mutter wegen der Kälte Zum Weben nicht Lust verspürt, Sie sitzt in der Nähe der Türe, Wo sie die Zither rührt. In meiner Kanne hauset Ein Wesen besonderer Art, Es quillt hervor gar hurtig Ein rosiges Wölkchen zart. Drei Becher davon genügen Dem eisigsten Gesicht, Daß aus den starren Zügen Der Glanz des Frühlings bricht.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 155.
    While the poem is titled "Wintersonne" on the page itself, it is titled "Winterszene" in the table of contents.
  • Dong ting chun se bing yin 洞庭春色 並引: Frühlingswein am Tung-t'ing See (Su Shi 蘇軾)
    Zwei Jahre pflückt' ich im Herbste Orangen am Tung-t'ing See ; Mir ist's, als ob von der Hand noch Ihr Duft mir entgegenweh'. In diesem Jahre trink' ich Vom Tung-t'ing den Frühlingswein. Er blinkt und funkelt so helle Wie flüssiger Edelstein. Indem von den weisen Schriften Des Fürsten erfüllt ich bin, So eilt mein trunkener Pinsel In Drachensprüngen dahin. In meinem Rausche denk' ich, Der Freund wird noch nüchtern sein, Daß er von fern mir gesandt hat Zum Wohl diesen edlen Wein. Sobald die Flasche geöffnet, Ein zarter Duft ihr entquillt, Indes am Fenster der Abglanz Des bauschigen Glases spielt. Ich schenke ein mir tüchtig Vom Wein des P'an An-jen, Damit mir nicht etwa die Hälfte Wegrieche Lo Kung-yüan. Jetzt gilt's einen Namen zu finden Zu dieses Weines Preis. Ich brauche nicht erst zu trinken Ihn liter- und zuberweis. Der "Lieder Angelhaken", So sei er von mir genannt, Auch als "Sorgenbesen" Sei er hinfür bekannt. Es scheint nicht sehr zu schätzen Der Freund den Rebensaft. Er hat wie die schwarze Mu-mu Verborgene Tugendkraft. Vom Wein füll', Freund, in den Becher Ein wogendes Meer hinein Und gieße es in den Mund mir, Für den der Himmel zu klein!

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 138-139.
  • Dui jiu "Quan jun mo ju bei" 對酒 “勸君莫拒杯”: Aufforderung zum Trinken (Li Bai 李白)
    Willst du von mir beraten sein, Weis' nicht zurück den Becher Wein. Sieh! wie der Frühlingshauch erwacht, Den Menschen froh entgegen lacht! Der Pflaum- und Pfirsichbaum er schaut Wie alte Freund' uns an so traut. Der Blütenzweig sich niederneigt Und uns die offnen Blüten zeigt. Es tönen aus der Bäume Grün Der flücht'gen Sänger Melodien, Und in den gold'nen Weinpokal Blickt tief der helle Mondesstrahl. Der Jüngling, dessen Antlitz noch Bislang ein frisches Rot durchflog, Er wandelt heute schon geneigt, Vom Alter scheint sein Haupt gebleicht. Mit Disteln sind bedeckt jetzt all' Die Stufen vor des Schi-hu Hall'. Es halten im Ku-su Palast Jetzt nur noch Reh' und Hirsche Rast. Dort, wo gethront seit alter Zeit Gar manches Kaisers Herrlichkeit, Die gelbe Erde lang schon hat Ganz ausgefüllt das Tor der Stadt. Willst wirklich du nicht trinken mehr O Freund, hier diesen Becher leer? Bedenke wohl, wo sind zur Zeit Die Menschen der Vergangenheit!

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899.
    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 43f.
  • Dui xue "Zhan ku duo xin gui" 對雪“戰哭多新鬼“: Im Schnee (Du Fu 杜甫)
    Die Geister weinen schaurig, Der Kampf war wild und heiß, Und einsam klag' und traur' ich, Ich altersschwacher Greis. Die Wolken schwer sich ballen, Der Abend naht geschwind, Schneeflocken niederwallen, Tanzend im Wirbelwind. Der Kürbis ist in Trümmer, Der Becher ohne Wein, Im Ofen nur ein Schimmer Vom roten Feuerschein. Schon längst wir ohne Kunde Aus den Provinzen sind. Betrübt sitz' ich zur Stunde. Schreib Zeichen in den Wind.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 72.
  • Er gui xing 兒歸行: Ein Sohn kommt nach Haus (Kong Wuzhong 孔武仲)
    "Ein Sohn kommt nach Haus, der andere bleibt aus". Am Morgen noch freuten sich Mutter und Sohn, Am Abend schon flog er als Vogel davon. Nicht heim kann er kehren in dieser Gestalt, Doch wo findet ein Heim er im tiefen Wald? "Auch wenn mir nun fehlet der menschliche Ton, Denkt doch die Mutter zu Haus an den Sohn. Wie soll ich vergessen der Mutterlieb'? Wenn der Leib auch verwandelt, das Herz mir doch blieb". "Ein Sohn kommt nach Haus, der andere bleibt aus". Der Frühling vergeht, Des Morgens es weht, Viel Regen nachts fällt. Trotz der Quellen der Berge fehlt Hirse dem Feld. Es friert wohl den Sohn, doch wem klagt er die Not? Und wem könnt' er sagen, ihm hungre nach Brot? Um die Jungen fliegen die Vögel umher, Der Sohn hat jetzt keine Mutter mehr. "Ein Sohn kommt nach Haus, der andere bleibt aus". Jedes Jahr, wenn der dritte Mond kommt herbei, Und man Hanf pflanzt, tönt dieser traurige Schrei. Eine Mutter einst zweier Söhne war, Doch sie liebte nur den, den sie selber gebar, Beim Hanf Sprossen sollten sie kehren nach Haus: Der verhaßte nur kam, der geliebte blieb aus. Warum die Verwechslung, das sieht man nicht ein, Wie konnt' es die Absicht des Himmelsherrn sein? Der Lohn stimmt zur Tat wie zur Flöte Schalmei. Noch jetzt tönt am Berge der klagende Schrei, Stets für Mutter und Sohn eine Warnung er sei. Nicht den Wandrer allein erfüllt er mit Schmerz, Dem beim Klagelaut "Er-kuei" erzittert das Herz.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 148-149.
  • Fang shu 芳樹: Traurige Erinnerung (Xiao Yan 蕭衍)
    Der Baum sein grünes Laubkleid regt, Dicht wächst die Blätterhülle; Der Lenzwind jedes Blatt bewegt, Und eins sich an das andere legt In ungezählter Fülle. Die Blüthen in der Baumeskron' Sich fest zusammen schmiegen In wechselvollem Farbenton; Ach "schmiegen!" bei dem Worte schon Fühl' ich mein Herz erliegen.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 55f.
  • Feng chui sha 風吹沙: Staubsturm (Ouyang Xiu 歐陽修)
    Der Nordwind weht daher den Sand, Auf tausend Li ist gelb das Land. Mein Roß trabt auf steinichter Erde. Ich dulde gar manche Beschwerde. Zur Winterzeit die Pflanzen ganz Verlieren ihren frischen Glanz, Doch blitzen im Sonnenstrahle Der Schnee und die Eiskrystalle. Wohl hundert Tag' im Jahr vom Wind Und Staub erfüllt die Wege sind. Zu wahren das Rot der Wangen Ist schwieriges Unterfangen. Ich greife nach dem Sattelknauf, Treib' an mein Pferd zu schnellem Lauf. Im zweiten Monde erwarten Mich Wein und Blumen im Garten.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 110.
  • Feng he xiang dong wang chun ri shi 奉和湘東王春日詩: Erneuerung der Natur (Bao Quan 鮑泉)
    Sieh! die Schwalben schon zurück Nach der Heimath streben. Neue Schmetterlinge schon In den Lüften schweben. Frische Blüthen brechen neu Jetzt aus Baum und Pflanze, Und es strahlt der neue Mond, Hell in neuem Glanze. Wie von neuem, frischem Hauch Ist das Gras bethauet, Neue Fülle überall, Wo das Aug' hinschauet! Auf dem Teich mit neuem Grün Wasserlinsen schwimmen, Und man höret jetzt auf's Neu Süsse Vogelstimmen. Neu erscheinet die Natur Ringsum unsern Blicken, Und man kann vom frischen Zweig Frische Blätter pflücken. Doch wie sehr es grünt und blüht In den frischen Zweigen, Dennoch will mein frischer Schmerz Von der Stirn nicht weichen. In des Ungetreuen Herz Neue Lieb' erblühet, Ob er's zu verbergen auch Heute noch sich mühet. Einen Fächer mondesrund In der Hand sie führet. Ein Verdeck, wie Wolken zart, Ihren Wagen zieret. Wie gereihte Perlen fall'n Meine Thränen wieder, Frisch auf den granat'nen Rock Tropfen sie hernieder.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 74f.
  • Feng he zhu liang shi 奉和逐涼詩: Sommernacht (Liu Xiaowei 劉孝威)
    Des Glockenspiels helle Tön' Die stille Nacht durchklingen, Im Freien will ich mich ergeh'n: Es wird mir Kühlung bringen. Der Himmelsstrom am Firmament Gleicht einem weissen Schleier; Mit diamantnem Glanze brennt Unzähliger Sterne Feuer. Gelehnt an eine Bergeswand Den kalten Fels ich fühle, Und labe mich am Teiches Rand, An seines Wassers Kühle. Es scheint gemalt des Mondes Bild Mit Tschang-tschang's Pinselstrichen, Die Lotosblum' die Luft erfüllt Mit Hanschan's Wohlgerüchen. Ich wandele durch die Natur Bei lichtem Sternenschimmer. Was suchet man die Freude nur Im engen, dumpfen Zimmer!

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 75f.
  • Fu chou shi er shou (1) "Ren yan sheng chu pi" 復愁十二首(其一)”人煙生處僻“: Bootfahrt (Du Fu 杜甫)
    Schön ist's, wenn die Sonne sinket, Auf dem Kahn hinauszugleiten. Eine Brise treibt die Wellen Hemmend an des Schiffes Seiten. Wo am dichtesten der Bambus, Ist der Ort, zu fliehn die Schwüle, Und, wenn rein die Lotos duften, Schlürfen wir die Abendkühle. Während die Getränke mischen Unsre jungen Herrn mit Eise, Sind geschäftig auch die Schönen, Spülen rein die Lotosspeise. Eine schwarze Wolke seh' ich Uns zu Häupten sich verdichten. Das gibt Regen, und es drängt mich, Schnell noch dieses Lied zu dichten.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 63.
  • Gan chun san shou (1) "Ou zuo teng shu xia" 感春三首 (其一) "偶坐藤樹下": Spätfrühling II (Han Yu 韓愈)
    Unter der Glyzine saß Ich mit dem Genossen, Spät im Lenz und fast vergaß, Daß er bald verflossen. Die Glyzine rings bereits Ihren Schatten breitet, Während nieder allerseits Blüt' auf Blüte gleitet. Emsig knospt es, und es drängt In dem frischen Laube, Doch verdorrt herniederhängt Manche Blütentraube. Droben wölbt des Himmels Blau Sich in weitem Bogen, Und zwei Schmetterlinge, schau'! Kommen schon geflogen. So muß sein die Frühlingszeit, Und in diesen Tagen Sollte man kein Herzeleid Mehr im Busen tragen.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 84.
  • Gan chun san shou (3) "Chen you bai hua lin" 感春三首 (其三) "晨遊百花林": Frühlingsbetrachtungen (Han Yu 韓愈)
    Ich wandele im Walde Des Morgens in der Früh'n, Wo viele hundert Blumen, Rote und weiße blühn. Die Weidenzweige beugen Herab sich zart und schlank Und hängen von den Bäumen Hernieder klafterlang. Zur Rechten und zur Linken Schritt neben mir einher In Gold und Purpurkleide Manch reich' und edler Herr. Und holde Knaben ließen Ertönen den Gesang, Der tiefer noch zu Herzen Mir ging als Flötenklang. Bildhübsche Mädchen wiegen Auf Matten sich zum Tanz; Aus hellen Augen blitzt es Wie Speer- und Schwerterglanz. Und dennoch bin ich traurig, Denn eins ich sehr beklag': Von allen meinen Freunden Ist keiner beim Gelag'. Schon mancher ist gestorben, Und seine Spur verschwand, Doch die auch, welche leben, Sie sind wie fortgebannt. Die Jugend nur ist fähig Zu Freude und Genuß, Das Alter schafft Beschwerden Und hundertfach Verdruß.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 84f.
  • Gan chun si shou (1) "Wo suo si xi zai he suo" 感春四首 (其一) "我所思兮在何所": Frühlingssehnen (Han Yu 韓愈)
    Du fragst, wohin so oft sich mir Mein tiefes Sinnen wendet. Es eilet weit, weit fort von hier, Bis wo der Erdkreis endet. Nach Norden, Süden, Osten, West Möcht reisen ich von hinnen. Mich halten tausend Flüsse fest Und tausend Bergeszinnen. Der Lenzwind weht im Garten draus, Und alle Knospen springen. Die Morgensonne trifft mein Haus, Und hundert Vöglein singen. Drei Becher sollen Trunkenheit Und Seelenruh' mir geben. Wie lange währt noch Schmerz und Leid, Wie lange noch dies Leben?

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 88.
  • Gan jiu sha mao 感舊紗帽: Der alte Hut (Bai Juyi 白居易)
    Einen schwarzen Gaze-Hut Hast vor vielen Jahren Du geschenkt mir altem Mann Mit den weißen Haaren. Auf dem Haupte diesen Hut Trage ich noch heute, Doch der Geber, ach! schon längst Ward des Todes Beute! Muß ein Mensch, so scheint es mir, Seinen Geist aufgeben. Dann entsteht durch seinen Tod Neu ein Pflanzenleben. Heilige und Weise drum Stets einmütig walten, Daß harmonisch der Natur Kräfte sich entfalten.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 95.
  • Gao du hu cong ma xing 高都護驄馬行: Das Kampfroß (Du Fu 杜甫)
    Der Chef von An-hsi als Kampfgenoss' Hat ein graugeschecktes Mongolenroß. Der Ruhm von seinem edlen Sinn Drang windesschnell gen Osten hin. Kein Feind hielt, wenn der Kampf entbrannt, Dem Anprall dieses Rosses Stand. Ganz wie ein Mensch es stets nur sinnt, Wie's in der Schlacht den Sieg gewinnt. Zum Danke ward dem edlen Pferd Die treuste Pflege stets gewährt. Wie der Wirbelwind durchbrauset das Land, Durchsaust es im Fluge den Wüstensand. Daß müßig es im Stalle ruh', Das läßt sein feuriger Geist nicht zu: Der Ruhm des Schlachtfeld's scheint allein Seines Ehrgeiz's würdiges Ziel zu sein. Die Fesselsgelenke regt es geschwind, Die hohen Hufe wie Eisen sind; Durch dieser Hufe harten Schlag Des Tchiao Fluß Eis sogleich zerbrach. Sein ganzer Körper ist buntgefleckt Und wie mit einer Wolke bedeckt. Durch tausend Meilen Lauf erhitzt, Sein Fell blutrote Tropfen schwitzt. Es wagt zu reiten kein junger Mann Das scheckige Roß in ganz Tsch'ang-an, Denn in der Stadt weiß jeder Gesell, Daß es fliegt vorbei wie der Blitz so schnell. Bis in sein Alter trägt es gern Das grünseidne Zaumzeug für seinen Herrn; Nie sträubt es sich, galoppieret hervor Stets kampfbereit aus dem Hêngschen Tor.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 70.
  • Ge "Bei fang you jia ren" 歌 "北方有佳人": Macht der Schönheiten (Li Yannian 李延年)
    Ein wunderbares Weib im Norden wohnt, Die einsam dort in ihrer Schönheit thront. Blickt sie ein Fürst nur an ein einzig' Mal, Kommt einer seiner Städt' im Reich zu Fall. Doch schaut er sie zum zweiten Male an, So ist es um sein ganzes Reich gethan. Und fällt die Stadt und stürzet selbst der Thron, Das schöne Weib wird nimmer ihm zum Lohn.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 8f.
  • Gong ci 宮詞: Das Geheimnis (Zu Yong 祖詠)
    Still ist’s trotz Frühlingsweben, Das Tor bleibt zugetan. Zwei holde Frauen schweben Zum buntgeschmückten Altan. Sie wagen nicht, was geschehen, Im Schlosse, zu sagen frei, Aus Furcht, es könnte verstehen Der lauschende Papagei.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 101.
    in: Oehlke, Waldemar. Chinesische Lyrik und Sprichwörter. Bremen-Horn: Walter Dorn-Verlag, 1952. p. 79.
  • Gong ci 宮詞: "Still ist´s trotz Frühlingsweben" (Zu Yong 祖詠)
    Still ist´s trotz Frühlingsweben, Das Tor bleibt zugetan. Zwei holde Frauen schweben Zum buntgeschmückten Altan. Sie wagen nicht, was geschehen, Im Schlosse, zu sagen frei, Aus Furcht, es könnte verstehen Der lauschende Papagei.

    in: Oehlke, Waldemar (ed.). Seele Ostasiens. Chinesisch-japanischer Zitatenschatz. Berlin: F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung, 1941. p. 68.
  • Gong zhong xing le ci ba shou (2) "Liu se huang jin nen" 宮中行樂詞八首(其二)“柳色黃金嫩”: Im Tschau-yang-Palast, I. (Li Bai 李白)
    Zarte Blätter, goldig gelbe, Von den Weiden niederhangen. Wie mit duft'gem Schnee bedecket Birnbaumzweig' in Blüte prangen. Zwei Eisvögel, Weib und Männlein, Kosen in dem Prunksaal dorten, Hinter einem Yüan-yang Pärchen Schloß die Goldhall' ihre Pforten. Auserwählte, schöne Mädchen Aus den Klemenaten schreiten, Lieder trällernd, um des Kaisers Galawagen zu begleiten. Eine ist's die über alle Andern stolz das Haupt erhebet: Tschao Fei-yen im Tschao-yang Schlosse, Die gleich einer Schwalbe schwebet.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 141.
    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 52.
  • Gong zhong xing le ci ba shou (4) "yu shu chun gui ri" 宮中行樂詞八首(其四)“玉樹春歸日”: Im Tschau-yang-Palast, II. (Li Bai 李白)
    Auf des Parks Bäumen ruhet Wiederum die Frühlingssonne. In des Kaisers Goldpalaste Herrschet eitel Lust und Wonne. Hinten in des Harems Räumen Will es immer noch nicht tagen, Denn des Nachts kam vorgefahren Dort der kaiserliche Wagen. Zwischen Blumen Stimmen flüstern; Lachen tönt aus jenem Zimmer. Eine Schöne stimmt ein Lied an, Und sie singt beim Kerzenschimmer. Mond was willst mit deinem Lichte Du schon jetzt von hinnen eilen? Möge doch die Mondesgöttin, Bis sie trunken, noch verweilen!

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899.
    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 52f.
  • Gong zhong xing le ci ba shou (5) "Xiu hu xiang feng nuan" 宮中行樂詞八首(其五)“繡戶香風暖”: Im Tschau-yang-Palast, III. (Li Bai 李白)
    In's Serail der laue Wind dringt, Leicht gewürzet mit Aromen, Rötlich ist die Fenstergaze In der Morgensonn' erglommen. Üpp'ge Blumen im Palaste Hold der Sonn' entgegen lachen. An des Teiches Wasserpflanzen Spürt man der Natur Erwachen. Aus der Bäume grünen Zweigen Höret man der Vöglein Lieder. Auf dem blauen Söller schweben Frau'n im Tanze auf und nieder. Dieser Monat, wenn in Tschao-yang Pflaum- und Pfirsichbaum sich schmücket, Ist's, wo hinterm Seidenvorhang Liebend Herz an Herz sich drücket.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899.
    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 53.
  • Gong zhong xing le ci ba shou (7) "Han xue mei zhong jin" 宮中行樂詞八首(其七)“寒雪梅中盡”: Im Tschau-yang-Palast, IV. (Li Bai 李白)
    Pflaumenbaum von seinen Schultern Hat den kalten Schnee geschüttelt, Und der junge Frühlingswind schon An den Weidenzweigen rüttelt. Mangovögel im Palaste Singen trunk'ne Liebeslieder, Leicht entlang am Dachgesimse, Zwitschernd fliegt die Schwalbe wieder. Von dem Licht der Abendsonne Wird ein Festgelag' beschienen; Mit dem Blumenflor wetteifert Heut' der Flor der Tänzerinnen. Abmarschiert die buntgeschmückte Garde schon, dieweil es dunkelt. Lang noch schwelgt man im Palaste, Der im Glanz der Lichter funkelt.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899.
    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 53.
  • Gu shi shi jiu shou (13) "Qu che shang dong men" 古詩十九首 (其十三) "驅車上東門": Aus Liedern der Han Zeit, I: "Wohl nach dem Ostertore den Wagen gelenkt ich hab'" (Anonymous (Lu Qinli))
    Wohl nach dem Ostertore Den Wagen gelenkt ich hab' Und sah in der Ferne liegen Gen Norden manches Grab. Es säuselte und seufzte Der weiße Pappelhain, Zypressen und Pinien schlossen Die breite Straße ein. Darunter war seit Jahren Gar mancher zur Ruh gebracht, Gebettet in tiefem Dunkel Umgeben von ewiger Nacht. Dort schlummern sie, wo rieselt Der Gelben Qualle Lauf, Und auch nach tausend Jahren Wacht keiner wieder auf. Gewaltig wogen und wallen Die Kräfte der Natur. Die Lebensjahre gleichen Dem Morgentaue nur. Kurz ist der Menschen Leben, Ein flüchtiger Aufenthalt, Nicht fest wie Erz und Felsen Die alternde Gestalt. Wohl nach zehntausend Jahren Begräbt man die Toten noch. Selbst Weise und Heilige müssen Sich beugen diesem Joch. Zwar will man durch Elixiere Erlangen göttliche Kraft; Gar manchen schon hat betrogen Sein Glaube an solchen Saft. Drum laßt uns lieber statt dessen Genießen den schönen Wein Und festlich dazu uns kleiden In Seide weiß und rein.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 8f.
  • Gu shi shi jiu shou (17) "Meng dong han qi zhi" 古詩十九首 (其十七) "孟冬寒氣至": Aus Liedern der Han Zeit, II: "Jetzt hat mit eisigem Odem der Winter schon Gewalt" (Anonymous (Lu Qinli))
    Jetzt hat mit eisigem Odem Der Winter schon Gewalt. Der Wind, der kommt aus Norden Und weht gar grimmig kalt. Wem voll das Herz von Sorgen, Der merkt, wie lang die Nacht; Ich blicke empor zum Himmel Und schaue der Sterne Pracht. Der Mond nach dreimal fünf Tagen In vollem Glanze steht, Nach viermal fünf, Mondhase Und Kröte schon vergeht. Es kam zu mir als Bote, Ein Fremdling aus fernem Land, Und brachte mir ein Schreiben Von des Gebieters Hand. Wie sehr er meiner gedenke, Am Anfang des Briefes er schreibt, Am Schluß doch heißt's, daß weiter Bestehen die Trennung bleibt. Im Busen und Ärmel trage Den Brief ich immerdar. Noch ist seine Schrift nicht erloschen, Verflossen auch drei Jahr'. Ich hege in meinem Herzen Die Liebe Tag für Tag. Ach! daß dies mein Gebieter Nicht zu erkennen vermag!

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 10.
  • Gu shi shi jiu shou (18) "Ke cong yuan fang lai" 古詩十九首 (其十八) "客從遠方來": Aus Liedern der Han Zeit, III: "Aus fernem Lande kehrte ein fremder Mann zurück" (Anonymous (Lu Qinli))
    Aus fernem Lande kehrte Ein fremder Mann zurück Und brachte von meinem Gatten Ein prächtiges Seidenstück. Mag über zehntausend Meilen Von mir auch getrennt er sein, So ist doch auch jetzt noch immer Das Herz des Geliebten mein. Es sind gestickt in Seide Zwei Mandarinenten just; Drum habe daraus geschnitten Ich eine Decke der Lust. Mit ewigem Gedenken Füllt' ich sie an als Flaum, Vereinigung unlösbar Näht' ich darum als Saum. So fest ist uns're Verbindung Wie Leim gemischt mit Lack, Denn keinen gibt's, der wieder Zu lösen sie vermag.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 10f.
  • Gu shi wu shou (1) "Shang shan cai mi wu" 古詩五首 (其一) "上山採蘼蕪": Die beiden Gattinnen (Anonymous (Lu Qinli))
    Engelwurz gepflückt ich hab' Auf der Bergesmatte. Als ich stieg vom Berg herab, Kam mein früh'rer Gatte. Nieder sank ich in die Knie' Und den Gatten fragt' ich Nach der neuen Gattin, wie Sie denn sei? – so sagt' ich: "Magst du deine neue Frau Noch so sehr auch schätzen, Ist sie doch der alten, schau! Niemals gleichzusetzen." "In dem Äußern mögen beid' Wohl einander gleichen, In der Finger Regsamkeit Muß die eine weichen." "Als die neue Frau in's Haus Durch die Tür gekommen, Hat die alte draus hinaus Ihren Weg genommen." "Doppelfädigen Brokat Kann wohl jene weben, Schlichte, weiße Seide hat Diese nur zu geben." "Von Brokat webt Tag für Tag Jene an fünf Ellen, Fünfundzwanzig Ell'n vermag Diese herzustellen." "Wenn man mit der Seide weiß Den Brokat vergleichet, Vor der alten Gattin Preis Der der neuen erbleichet."

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 11f.
  • Gu yi shi er shou (2) "Dang chun you yi cao" 古意詩二首 (其二) "當春有一草": Schmetterlingsart (Xiao Yan 蕭衍)
    Man sieht eine Pflanze im Lenz erblüh'n, Am Stengel hängen die Blüthen grün. Wer immer sie sieht, all' sein Leid vergisst, Beim Nordpalast ist es, wo sie erspriesst. Zwei Schmetterlinge flogen einher, Bald hier, bald dort, die Kreuz und die Quer. Bald zog sie's herab, bald nach oben hin, Stets blieb sich gleich der Pflanze Sinn. Von dem Schmetterlingspaar der eine verschwand. Warum? – ist keinem Menschen bekannt.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 54.
  • Guan er xi 觀兒戲: Kinderspiele (Bai Juyi 白居易)
    Ein Paar frische, lust'ge Bübchen, Sieben Jahr alt oder acht, Angetan mit prächt'gen Kleidern Toll'n umher in wilder Jagd. Werfen sich mit Stückchen Erde, Stehn mit Gerten kampfbereit, Und so spielen sie und jauchzen Voller Lust die ganze Zeit. Über mich hinweggegangen Ist bereits gar manches Jahr, Und manch' weißer Seidenfaden Zeigt sich schon in meinem Haar. Werde ich der kind'schen Spiele Mit dem Bambuspferd gewahr, Denk' der Zeit ich, wo ich selber So ein töricht Knäbchen war. Als ein töricht Knäbchen freute Mich unbändig Scherz und Spiel, Jetzt, nachdem ich alt geworden, Habe ich der Sorgen viel. Wenn durch Jugend mich und Alter Ruhige Betrachtung führt, Weiß ich nicht zu sagen, welcher Zeit der Torheit Preis gebührt.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 95f.
  • Guan lie 觀獵: Die Jagd (Li Bai 李白)
    Von des Präfekten Trefflichkeit Und Macht rühmt viel man weit und breit. Zur Mußezeit am Nachmittag Stellt er mit Lust dem Wilde nach. Dann fliegt auf sand'ger Uferbank Sein Jagdroß schnell am Fluß entlang. Rings auf den Höh'n der Feuerschein Scheucht auf das Wild und schließt es ein. Sein Pfeil herab den Wildschwan bringt, Der aus den Wolken niedersinkt. Sein Falke kühn empor sich hebt, Mondhasen er entgegenstrebt. Und eh' er sich's noch recht versieht, Bereits das Tageslicht entflieht. Noch kurze Zeit, so ist es Nacht; Froh kehrt er heim dann von der Jagd.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 128f.
    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 41.
  • Guan she 官舍: Das Amtshaus (Bai Juyi 白居易)
    Erneuert sich hatten Die Blätter am Baum, Es deckten die Schatten Den unteren Raum. Wie kann man nur reden Von des Kreisamtmann's Haus? Es sieht doch für jeden Wie des Einsiedlers aus. Der Kreisamtmann findet Dort Ruhe und Rast, Und ganz überwindet Die Hetze und Hast. Beim Aufstehn genießt er Etwas duftenden Tee, Im Spazierengehn liest er, Hat ein Buch in der Näh'. Als der Pflaumenbaum die vielen Grünen Früchte noch trug, Roten Perlen gleich fielen Reife Kirschen genug. Meine Mädchen erhaschten Die Früchte bei Zeit; Sie tollten und naschten Und zerrten mein Kleid. Am Abend des Tages War Friede und Ruh. Selbst die Vöglein des Hages Nicht riefen sich zu. Nur den Lockruf erklingen Ließ die Elster der Brut; Krähe "kra, kra" tät singen, Hielt die Jungen in Hut. Doch es späh'n nach den Kleinen Nicht die Vögel nur aus, Ich auch führte die meinen Am Abend nach Haus.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 96f.
  • Gui yan 歸燕: Die Schwalben (Du Fu 杜甫)
    Nicht einzeln pflegen zu fliehen Die Schwalben Schnee und Eis, Auch sieht man selten sie fliegen In Mengen und scharenweis'. Der Jahreszeiten Folge Ist ihnen gar wohl bekannt: Beginnt der achte Monat, Verlassen sie das Land. Wo könnten sie erkunden Des Frühlings Herrlichkeit? Die jungen Vöglein wissen Selber die richtige Zeit. Und finden sie unversehret Ihr altes Nest am Haus, So fliegen sie um den Hausherrn Wie ehedem ein und aus.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 73.
  • Guo xiang ji si 過香積寺: Das Kloster (Wang Wei 王維)
    Niemals hätte ich geglaubt Von des Tempels steilen Höh'n, daß Wolken ganz ihr Haupt Hüllten ein auf Meilen. Zwischen alten Bäumen ziehn Menschenleere Pfade ; Über ferne Felspartien Tönt ein Glöcklein grade. Einer Quelle Rauschen dämpft Des Gesteines Mauer, Und den Sonnenglanz bekämpft Dunkler Fichten Schauer. Nieder sinket schon die Nacht. Bin zum Teich gegangen, Bänd'ge durch der Andacht Macht Meines Herzens Schlangen.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 30.
  • Hai kang shu shi shi shou (9) "Yi yu fu yi yang" 海康書事十首(其九)"一雨復一暘": Regen und Sonnenschein (Qin Guan 秦觀)
    Sobald vorbei der Regen, Kommt Sonnenschein geschwind. Aus Wüsten weit entlegen Weht ein gewalt'ger Wind. Sein Zornesbrüll'n ich höre Bei Tage und bei Nacht, Wie wenn er peitscht die Meere, Und Berge stürzt mit Macht. Warum hat so geschnoben Das All, daß wild es schallt, Und niemand seinem Toben Gebieten könnte Halt? Am Morgen alles schweiget, Sind alle Höhlen leer, Und in den Äther steiget Die Sonne hell und heer.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 156f.
  • Hai kang shu shi shou (5) "Yue nü shi wu chang" 海康書事十首(其五)"粵女市無常": Das Kuangtung Mädchen (Qin Guan 秦觀)
    Keinen festen Platz am Markt Hat das Kuangtung Mädchen, Nimmt den Standort, wo es just Hingelangt im Städtchen. Drei bis viermal wechselt es Wohl im Tageslaufe, Bietet Fisch und Krebse aus Überall zum Kaufe. Hat ein grünes Röcklein an, Doch es fehlt an Strümpfen. Ihr Geruch nach Affen Art Läßt die Nas' uns rümpfen. Doch man schelte darum nicht Auf des Landes Sitte, Wuchs doch eine Lü-tschu einst Auf in Po-tschou's Mitte.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 145.
  • Han gui shi "Lü ye chao chao huang" 寒閨詩 "綠葉朝朝黃": Vergänglichkeit (Xiao Gang 蕭綱)
    Gleichwie das grüne Laub wird gelb und fahl, So schwindet bald der Wangen frisches Roth; Für beide gilt dasselbe Machtgebot. Daran zu denken schon ist Herzensqual!

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 62.
  • Han gui shi "Wu que ye nan fei" 寒閨詩 "烏鵲夜南飛": Herbstgedanken (Xiao Yi 蕭繹)
    Es sind die Raben in der Nacht Gen Süden fortgeflogen, Mein Schatz, der mir fahr wohl gesagt, Kommt nimmer heimgezogen. Hell leuchtend auf dem Weiher schwimmt Der Mond von Well'n getragen. Ein kühler Wind weht, man vernimmt Von fern das Wäscheschlagen. Zur Umkehr mahnend meinen Herrn Will ich Mäander sticken, Und den Brokat ihm in die Fern', Bis hin nach Wu-wei schicken.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 64.
  • He liu shang huang chun ri shi 和劉上黃春日詩: Frühlingsempfindung (Xiao Yi 蕭繹)
    Die Vöglein singen jetzt auf's Neu Im Busche ihre Lieder, Und vor dem Fenster fliegt vorbei Die Frühlingsschwalbe wieder. Es weht der weisse Weidenflaum In weingefüllte Becher; Gar manche Blüth' vom Pflaumenbaum Hängt am Gewand der Zecher. Des Rosses Perlgehänge klingt, Wenn es der Wind beweget; Im Sonnenstrahl der Sattel blinkt, Mit Golde eingeleget. Dass nicht die Frühlingspracht vergeht, Eh' ich den Freund getroffen, Und dass ich bald zurück ihn hätt', Das ist mein einzig Hoffen!

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 63.
  • He ren hui wen wu shou (3) "Han xin feng piao shuang ye huang 和人回文五首(其三)"寒信風飄霜葉黃": Die Verlassene, III "Es wogt und wirbelt der eisige Wind" (Su Shi 蘇軾)
    Es wogt und wirbelt der eisige Wind, Die gelben Blätter bereift schon sind. Die Lampe erlosch, und der Mond scheint fahl ; Auf das leere Bett trifft sein bleicher Strahl. Voll Sehnsucht sie aus nach dem Gatten blickt Und hat ihm ein Verslein in Seide gestickt. Und jedes Zeichen erzählt von dem Schmerz, Von dem zerrissen ihr armes Herz.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 147.
  • He ren hui wen wu shou (4) "Qian tang hua zhu ye ning lei" 和人回文五首(其四)"前堂畫燭夜凝淚": Die Verlassene, IV "Sie zog ihre seidenen Brauen zusamm'" (Su Shi 蘇軾)
    Sie zog ihre seidenen Brauen zusamm', Als sie der Schwalben Gezwitscher vernahm. Es perlten die Tränen, umflort war ihr Blick, Denn sie sah, daß die Wildgans kehrte zurück. Ein Weib von den Stürmen der Liebe umbraust, Ist eine Blume vom Winder zerzaust. Der Mann, gefühl- und herzlos, gleicht Dem Tau, der vor der Sonne entweicht.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 147.
  • He tan 鶴嘆: Der Kranich (Su Shi 蘇軾)
    Hatte einst in meinem Garten Einen Kranich klug und zahm, Der an meine Seite eilte, Wenn er meinen Ruf vernahm. Neulich blickte von der Seite, Er mich an mit ernster Mien', Und mir wie der Totenvogel Folgendes zu sagen schien: "Kurze Zeit nur währt mein Leben ; Einsam bin ich und allein, Und auf drei Fuß langen Beinen Ruht der schwache Körper mein". "Finde ich, mich niederbeugend, Etwas Futter, bin ich froh, Doch wie kommt es, daß mein Körper Kann erfreu'n den Herren so?" Jage ihn empor zur Halle. Dort bleibt er ein Weilchen stehn ; Werfe vor ihm süßen Kuchen. Tut, als hab' er's nicht geseh'n. Laut aufkrächzend von den Stufen Eilet er herab sogleich. Im Notfall zurückzuweichen, Darin kommt er ihm nicht gleich.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 137f.
    in: Oehlke, Waldemar. Chinesische Lyrik und Sprichwörter. Bremen-Horn: Walter Dorn-Verlag, 1952. p. 85.
    Translation quoted from "Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit (Hamburg 1929) p. 137f.
  • He tao "Ting yun" si shou bing yin (1) "Ting yun zai kong" 和陶停雲四首 並引(其一)"停雲在空": Sehnsucht (Su Shi 蘇軾)
    Die Wolken halt' ich an im Ost', Sie blicken finster, droh'n mit Regen. Ich seufze für den treuen Freund Auf fernen, ungangbaren Wegen. Mein Geist hält Einkehr im Moment, Dann eilt er wieder in die Weite. Ein Vogel fliegt die Zeit des Glück's Dahin, blickt nicht nach mir zur Seite.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 143.
  • He tao "Yin jiu" er shi shou bing xu (12) "Wo meng ru xiao xue" 和陶“飲酒”二十首 並敘(其十二)"我夢入小學": Rausch (Su Shi 蘇軾)
    Kürzlich träumt' ich, daß ich erst In die Schul' gebracht war, Zu der Zeit, als büschelweis Noch mein Haar gemacht war. Damals, als mein Haupt noch nicht Weiße Haare deckten, Und ich in der Schule noch Las die Analekten. Wie ein kindlich Spielen scheint Mir der Menschen Walten, Alles seltsam und verkehrt Wie die Traumgestalten. In der Trunkenheit allein Finde ich die Wahrheit, Und die Leere nur erlöst Zweifelnde zur Klarheit. Den Betrunkenen verletzt Kaum der Fall vom Wagen, So lehrt Tschuang-tse, und er wird Keine Lüge sagen. Wegen Pinsel und Papier Meinen Knaben ruf' ich, Und in meiner Trunkenheit Diese Verse schuf ich.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 142-143.
    Unlike the heading to the poem itself, in the table of contents the poem is titled "Im Rausch".
  • He xu piao piao "Xu piao piao, xu piao piao, feng han piao xu lang" 和虛飄飄 "虛飄飄,虛飄飄,風寒飄絮浪": Ein Hauch, der verweht, III (Qin Guan 秦觀)
    Ein Hauch, der verweht, Ist der kalte Wind, der die schäumenden Wogen drängt, Ist die Frühlingsflut, die des Eises Brücke sprengt, Die Tropfen, die wie Fäden herniederwall'n, Die Blätter, welche raschelnd vom Baume fall'n, Ein Bläschen, das vom Strome entführt, versprüht, Ein Wölkchen rot, das im Sturm am Himmel zieht, Ein Hauch, der verweht, Und aus festerem Stoff doch als Reichtum und Ehre besteht.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 141.
  • Hua xia zi quan jiu 花下自勸酒: Aufforderung zum Trinken (Bai Juyi 白居易)
    Wohlan, füll' mir den Becher Ganz voll mit edlem Naß: Sieh', wie vom Zweig die Blüten Abfallen ohn' Unterlaß! Sag' nicht, daß mit dreißig Jahren Ich sei ein Jüngling noch; Ist es von hundert Jahren Bereits ein Drittel doch.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 93.
  • Huang zhou "Nan shan yi chi xue" 黃州 "南山一尺雪": Im Walde (Su Shi 蘇軾)
    Mit tiefem Schnee bedecket, Der Südberg ragt empor, Doch, wo der Schnee gewichen, Scheint hell das Grün hervor. In allen Bergesschluchten Da weht die Luft so lind, Daß alle Pflaumenbäume Bedeckt mit Blüten sind. Das Reisen als Gesandter Ward mir zum Überdruß, Drum laß ich Pferd und Wagen An dieses Berges Fuß. Ich wink' mir einen Alten, Dieweil mein Lied erschallt, Mit dem ich rüstig schreite Hin durch den grünen Wald. Die hohen Tannen werfen Die langen Schatten weit. Schön ruht es auf dem Felsen Sich dort in Trunkenheit. Wie lieblich auch zu lauschen Am Berg der Vöglein Schlag! Auf meiner Zither ahm' ich Der Quelle Rieseln nach. Hier möcht' ich ewig weilen, Verlassen nie den Ort. Doch ach, es drängt das Leben Und reißt mich wieder fort. Bei meiner Heimkehr merkt' ich, Wie weit ich fürbaß ging, Als an dem Bergesgipfel Der helle Mond schon hing.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 144.
  • Ji du jia fu er shou (1) "Hong zi zheng chun chu chu kai" 寄杜家父二首(其一)"紅紫爭春觸處開": Abend (Huang Tingjian 黃庭堅)
    Rot und purpurn um die Wette Blüht's in diesen Frühlingstagen. Abend wird es; auf den Straßen Donnern laut die Ochsenwagen. Meine Ruhe und mein Frieden Wird vom Frühling mitgenommen. Vögel rufen, Blumen zittern: Werden je sie wiederkommen?

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 157.
  • Ji du jia fu er shou (2) "Feng chen dian wu qing chun mian" 寄杜家父二首(其二)"風塵點汙青春面": Nach dem Gelage (Huang Tingjian 黃庭堅)
    Von des grünen Frühlings Antlitz Staubwind hat den Glanz genommen. Schöpf' aus kaltem Born und wasche Mein Gesicht, vom Wein entglommen. Ein Gedicht gern möcht' ich schreiben, Doch es will mir nichts gelingen. Freund Tu mag die Verse suchen, S' wird ihm neue Ehre bringen.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 157.
  • Ji xing ren shi 寄行人詩: Frühlingshauch (Bao Linghui 鮑令暉)
    Es treibet zwei, drei Zweig' der Zimmetstrauch, Und drei, vier Blätter die Magnolia; Allein mein Schatz ist immer noch nicht da; Es lächelt meiner nur der Frühlingshauch.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 47.
  • Jian ying huo "Wu shan qiu ye ying huo fei" 見螢火“巫山秋夜螢火飛": Glühwürmchen (Du Fu 杜甫)
    Am Wu-schan in der Herbstesnacht Glühwürmchen alle sind erwacht, Durchdringen Vorhänge und Ritzen Und auf den Kleidern sitzen. Im Zimmer merkt verwundert man, Kalt fühlt sich Buch und Zither an. Wie vereinzelte Sterne funkeln Glühwürmchen am Dache im Dunkeln. Sie fliegen um den Brunnenbord, Eins nach dem andern setzt sich dort. Von ihrem Lichte flirren Die Blumen, die sie umschwirren. Ein Greis am großen Strom ich steh', Und traurig auf euer Treiben seh'. Ob heute in einem Jahre ich wieder euch gewahre?

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 76.
  • Jiang cun 江村: Das Flußdorf (Du Fu 杜甫)
    Der klare Strom in seinem Arm Das Dörflein eng umschließet, Wo in dem Sonnenscheine warm Still hin das Leben fließet. Es nähern und entfernen sich Vom Dache frei die Schwalben; Im Wasser schwimmen einträchtig Die Möven allenthalben. Bemalt Papier zum Schachbrett hat Das Mütterchen gefüget, Indes das Söhnlein Nageldraht Zum Angelhaken bieget. Nur wenn es Krankheit gibt, dann kann Arznei'n man schwer entbehren. Was könnt' zum Wohlergehen man Noch außerdem begehren?

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 74.
  • Jiang jin jiu 將進酒: Trinklieder, V, "Wißt, Freunde, ihr nicht" (Li Bai 李白)
    Wißt, Freunde, ihr nicht, Daß das Wasser des Gelben Flusses, entströmend himmlischen Höhen, Sobald es einmal in's Meer sich ergossen, niemals zurückkehrt? Glaubt, Freunde, ihr nicht, Daß die Väter ihr weißes Haar wehmütig im Spiegel betrachten, Das am Lebensmorgen wie schwarze Seide, am Abend wie Schnee ist? Wissend, daß vergänglich alles, Kostet darum, wer verständig, Von der Freude bis zur Neige, Und er läßt niemals die Becher Leer im Mondenscheine glitzern. Die vom Himmel mir verlieh'nen Gaben will ich auch benutzen: Sind die Gelder all' verflogen, Werden sie schon wieder kommen. Freunde laßt uns fröhlich sein! Einen Hammel woll'n wir braten, Einen Ochsen dazu schlachten, Denn wir müssen noch dreihundert Becher Wein zusammen leeren. T'sên Fu-tse und Tan T'chiu-schêng, Bitte, merket auf, ich will Euch ein Liedchen singen. Still! Wisset, jeder brave Mann Hält niemals im Trinken an, Möchte immer trunken sein, Nüchternheit deucht ihm nicht fein. Beim Gelage lauscht sein Ohr Paukenschlag und Glockenspiel, Was man setzt an Speisen vor, Keine kostet ihm zu viel. Weise aus dem Altertum, Heute sind sie kalt und stumm; Nur wer tüchtig trinken kunnt', Ist noch jetzt in aller Mund. T'sao war so ein Fürst gar fein, Hielt Gelag im P'ing-lo Schloß, Allwo man der Kübel Wein Tausende hinuntergoß. Sagt der Wirt, das Geld sei aus. Gleich schick' er den Knaben raus, Wein zu kaufen für die Herr'n! Meinen Schecken geb' ich gern, Tausend-Gülden-Pelz sogar Tausche gern ich für den Wein. Laßt uns trinken immerdar, Spülen uns von Sorgen rein.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899.
    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 47f.
  • Jiang pan du bu xun hua qi jue ju (6) "Huang si niang jia hua man xi" 江畔獨步尋花七絕句(其六)“黃四娘家花滿蹊”: Blüten (Du Fu 杜甫)
    Vor Frau Kuang Sse's Hause blinken Blüten, und im Tal versinken Fast die Zweig' im Blütenmeer. Falter haschen sich und gaukeln, Im Gebüsch Oriolen schaukeln, Und ihr Ruf tönt sehnsuchtsschwer.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 75.
  • Jiang shang kan shan 江上看山: Auf dem Flusse (Su Shi 蘇軾)
    Berge sehe fort ich eilen Auf dem Schiff, gleich schnellen Pferden, Die in vielen hundert Herden Plötzlich fliehen ohne Weilen. Stark zerhackt die vordern Ketten Wechseln ständig ihr Gefüge, Und die hintern Bergeszüge Fliehn, als gält es sich zu retten. Oben sehe ich am Berge, Wie ein schmaler Pfad sich windet; In der Höhe fast verschwindet Dort ein Mann, gleich einem Zwerge. Und ich wink' ihm zu vom Buge, Daß wir plauderten gemeinsam; Südwärts strebt mein Segel einsam, Eilend wie im Vogelfluge.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 145.
  • Jin ling feng huang tai zhi jiu 金陵鳳凰臺置酒: Auf der Phönixterrasse (Li Bai 李白)
    Wir lassen beim Weine uns nieder Auf Nanking's Phönixterrass', Schon werden länger und länger Die dunklen Schatten im Gras. An alten Ruinen fließen Des Yangtse Wellen vorbei, Am Himmel verschwinden die Wolken, Mein Geist wird klar und frei. Ich möchte wohl erfahren, Als einst im Altertum Der Phönix hier ist erschienen, Für wen er kam und warum? Daß er von dannen geflogen, Ist schon so lang' jetzt her, Daß heute für seine Rückkehr Die richtige Zeit just wär'. Es überstrahlt unser Kaiser Selbst Fu-hsi und Huang-ti an Ruhm, Ihm steht zur Seit' seiner Räte Dreifaches Kollegium. Wir brauchen keine Helden Und tapfere Krieger jetzt; Ein Trunk aus goldenem Becher Beim Harfenklang uns ergötzt. Jetzt, wo herab von den Bergen Der Ostwind die Blüten bläst, Gibt's jemand, der im Glase Den Wein wohl stehen läßt? Tief unter dem Rasen schlafen Die Kaiser der sechs Dynastien; Versunken sind ihre Schlösser, Begraben im Moose grün. Schafft Wein herbei zum Feste! Da gibt's kein Widerwort, Gesang und Glockenspiel sollen Ertönen immerfort.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899.
    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 56f.
  • Jin ling san shou (2) "Di yong jin ling shi" 金陵三首(其二)“地擁金陵勢”: Nanking, I. "Zwischen Hügeln eingeschlossen" (Li Bai 李白)
    Zwischen Hügeln eingeschlossen Die Stadt Nanking ruht, Rings ummauert und umschlossen Von des Yangtse Flut. Millionen lebten, lachten Einst an diesem Ort Und die Straßen überdachten Türme hier und dort. Auf des Reichs zerfall'ner Feste Sprießt das Gras jetzt nur, Und die fürstlichen Paläste Ließen keine Spur. Nur der Mond schwebt noch wie weiland Über'm Hou-hu See Auf den Well'n; das Geistereiland Glänzt in seiner Näh!

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899.
    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 57f.
    in: Oehlke, Waldemar. Chinesische Lyrik und Sprichwörter. Bremen-Horn: Walter Dorn-Verlag, 1952. p. 59.
    In "Chinesische Lyrik und Sprichwörter" the last paragraph of the transaltion is missing.
  • Jin ling san shou (2) "Di yong jin ling shi" 金陵三首(其二)“地擁金陵勢”: Zwischen Hügeln eingeschlossen (Li Bai 李白)
    Zwischen Hügeln eingeschlossen Die Stadt Nanking ruht, Rings ummauert und umschlossen Von des Yangtse Flut. Millionen lebten, lachten Einst an diesem Ort Und die Straßen überdachten Türme hier und dort. Auf des Reichs zerfall'ner Feste Sprießt das Gras jetzt nur, Und die fürstlichen Paläste Ließen keine Spur.

    in: Oehlke, Waldemar (ed.). Seele Ostasiens. Chinesisch-japanischer Zitatenschatz. Berlin: F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung, 1941. p. 137.
    in: Fink-Henseler, Roland W. (ed.). Brevier fernöstlicher Weisheit. Sprichwörter, Aphorismen und Gedichte aus Japan und China. Bayreuth: Gondrom Verlag, 1984. p. 24.
    Excerpt.
  • Jin ling san shou (3) "Liu dai xing wang guo" 金陵三首(其三)“六代興亡國”: Nanking II, "Hier erblühten, hier vergingen" (Li Bai 李白)
    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899.
  • Jing ye si 靜夜思: Mondschein (Li Bai 李白)
    Vor meinem Bett liegt Ein Mondschein Streif, Als wär' der Boden Bedeckt mit Reif. Ich schau zum Mond, der Vom Berge blinkt, Und denk der Heimat, Das Haupt mir sinkt.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899.
    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 55f.
  • Jun ma huang 君馬黃: Die Kameraden (Li Bai 李白)
    Mein Kamerad hat ein falbes Pferd, Ein weißes Roß nenn' mein ich. Ist auch unserer Tiere Farbe nicht gleich, So sind uns're Herzen doch einig. Wir haben zusammen gar manchen RItt Gemacht wohl in der Runde, Und auf der Straße nach Loyang hin Wir traben zu dieser Stunde. Wie unser langes Schwert so hell Im Sonnenscheine flimmert! Und auf dem Haupte das hohe Barett So rötlich im Lichte schimmert! Wir tragen beide einen Pelz, Er ist der allerbeste. Bei allen Fürsten und Herr'n sind wir Stets gern geseh'ne Gäste. Gleichwie in Gruben und Fallen stürzt Nicht selten der wilde Tiger, So wird getrieben auch in die Eng' Gar häufig der kühne Krieger. Den Freund erkennt man zu Zeiten erst Der Not und des Mißgeschickes. Was nützet die Freundschaft, welche nur währt Die heiteren Tage des Glückes!

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899.
    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 42.
  • Jun xing "Liu ma xin kua bai yu an" 軍行 “騮馬新跨白玉鞍”: Frisch sattelt man den Braunen itzt (Li Bai 李白)
    Frisch sattelt man den Braunen itzt, Manch heller Stein am Sattel blitzt. Nur der frostige Mondstrahl noch Wacht hält In der Nacht nach dem Kampf auf dem Schlachtfeld. Wie Donner von den Mauerhöh'n Tönt Pauken- und das Gonggedröhn. In den Scheiden die Schwerter schon stecken, Die noch blutige Tropfen beflecken.

    in: Oehlke, Waldemar (ed.). Seele Ostasiens. Chinesisch-japanischer Zitatenschatz. Berlin: F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung, 1941. p. 56.
  • Jun xing "Liu ma xin kua bai yu an" 軍行 “騮馬新跨白玉鞍”: Nach der Schlacht (Li Bai 李白)
    Frisch sattelt man den Braunen itzt, Manch heller Stein am Sattel blitzt. Nur der frostige Mondstrahl noch Wacht hält In der Nacht nach dem Kampf auf dem Schlachtfeld. Wie Donner von den Mauerhöh'n Tönt Pauken- und das Gonggedöhn. In den Scheiden die Schwerter schon stecken, Die noch blutige Tropfen beflecken.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899.
    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 37.
  • Ke xi 可惜: Leider (Du Fu 杜甫)
    Warum fallen ab die Blüten Und verwehen ach! so bald! Könnt' der Lenz nicht länger währen? Alles stirbt, sobald es alt. Zwar an manchen Orten findet Freude man und Heiterkeit, Aber Kraft und Jugend dauern Überall nur kurze Zeit. Darum muß mit ganzem Herzen Huld'gen man dem edlen Saft, Und nichts scheuchet so die Sorgen Wie der Dichtkunst Zauberkraft. Diese Weisheit hat vor vielen Jahren T'ao Tch'ien schon gelehrt, Und ich habe als gelehr'ger Schüler mich dazu bekehrt.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 75.
  • Kong nang 空囊: Der leere Beutel (Du Fu 杜甫)
    Bitter ist der Immergrün, Läßt sich doch genießen, Und ich trinke in der Früh'n Morgentau, den süßen. Herzlos sind der Menschen viel, Roh erscheint ihr Wesen; Schwer erreichbar ist das Ziel, Das ich mir erlesen. Meinen Born vereist ich fand, Kalt die Feuerstätte, Und ich habe kein Gewand, Frier' des Nachts im Bette. Ach! mein Beutel, der ist leer; Müßt' darob mich schämen: Einen einz'gen Käsch nur mehr Kann ich ihm entnehmen.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 74.
  • Ku cui er 哭崔兒: Klage um den Sohn Ts'ui (Bai Juyi 白居易)
    Eine Perle hatte in den Händen Mein geliebter Sohn; er war drei jähr. Sechzig wird sein Vater bald vollenden. Schon bedeckt der Schnee sein Schläfenhaar. Ach, wie hätte ich wohl ahnen können, Daß vor mir du würd'st von hinnen geh'n! Konnte mir der Himmel nicht vergönnen, Dich zum Manne reifen noch zu sehn? Nicht ein Schwert in meinem Busen wühlet, Nein, vom Kummer ist es wie durchbohrt! Nicht von Staub getrübt mein Aug' sich fühlet, Nur von Thränen ist es ganz umflort. Leer ist es in meinen Armen wieder, Doch der Himmel schweigt und bleibet stumm. Seit der Schicksalsschlag mich beugte nieder, Gleiche ich dem Teng Yu wiederum.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 94.
  • Ku xiang pian 苦相篇: Frauenelend (Fu Xuan 傅玄)
    O, wie traurig ist's, Eine Frau zu sein! Giebt es schlimm'res wohl, Elenderes? Nein. Als Familienhort Gilt allein der Knab', Wie ein Gott kommt er Auf die Erd' herab. Den vier Meeren zu Drängt sein kühner Muth: Fern zehntausend Li Trotzt er Sturmeswuth. Keine Lieb' und Freud' Grüsst das Töchterlein, Für ihr Haus ist sie Nicht ein Kleinod fein. Jungfrau, zieht sie sich Tief in's Haus zurück Und verbirgt ihr Haupt Scheu vor Männerblick. Fern vom Heimatsort Weint sie manche Thrän', Wild, wie Regen strömt Aus den wolk'gen Höh'n. Einer Magd gleich kniet Sie vor ihrem Herrn, Grüsst ernst wie ein Gast, Der genaht von fern. Das Gesichtchen hold Senkt sie nieder ganz: Aus dem Mündchen roth Strahlt der Zähne Glanz. Durch des Gatten Lieb' Ist sie froh allein: Sonnenblume selbst, Wünscht sie Sonnenschein. Heiss wie Feuer fühlt Sie ihr Ungemach, Und an ihrem Leid Trägt sie hundertfach. Jugendfrische - ach! Welket mit der Zeit, Sie, die nur allein Den Gemahl erfreut. Wie sein Schatten hing Einstmals sie am Mann, Gleich den Hu und Tsin Sind sie fremd sich dann. Hu- und Tsin-Leut' doch Sehn sich noch von fern: Er steht ferner ihr Als der fernste Stern.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 27-29.
    in: Oehlke, Waldemar. Chinesische Lyrik und Sprichwörter. Bremen-Horn: Walter Dorn-Verlag, 1952. p. 45f.
  • Kuang quan 狂犬: Der Hund (Kong Pingzhong 孔平仲)
    Ich hatt' einen Hund im Hause, Er war ein wilder Gesell', Und laufen konnt' er gewaltig Wie ein fliehender Hase so schnell. In seinem Ungestüme Stieß Schüsseln und Teller er um, In allen schmutzigen Ecken Des Hauses kroch er herum. Er hörte nicht auf zu bellen, Wenn jemand vorüberging. Die Hühner begannen zu schreien, Die Katze zu fauchen anfing. Ihn länger im Haus zu behalten, Ich wirklich unmöglich fand. Ich mußte fort ihn schicken Nach meinem Gut, auf dem Land'. Seit einem halben Jahre Hatt' ich ihn gesehn nicht mehr Und dachte, daß wohl ein wenig Er zahmer geworden wär'. Als ich zufällig nun gestern Im Osten der Stadt mich befand, Da kam er voller Freude Schweifwedelnd herbeigerannt. Er zerrte an meinem Kleide, Schmiegte ans Knie sich dicht. Ich jagte fort ihn nochmals, Doch er verließ mich nicht. Dann sprang er mehrere Fuß hoch In einem Satze empor. Ich sah, die alte Wildheit, Sie war noch wie zuvor. "Sollt' dieses nur ein Fehler In deinem Charakter sein, Und ward nicht vom Himmel beschlossen, Dies Wesen dir zu verleihn?" "Ich habe nie vernommen, Daß, weil es schlug und biß, Ein Roß aus edlem Stamme Man auf die Straße stieß". "Und dennoch, wie könnt' ich es wagen, Dich mitzunehmen jetzt, Da du die Knaben und Mädchen Wieder in Angst versetzt".

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 152-153.
  • Kuang quan 狂犬: Ich hatt' einen Hund im Hause (Kong Pingzhong 孔平仲)
    in: Oehlke, Waldemar (ed.). Seele Ostasiens. Chinesisch-japanischer Zitatenschatz. Berlin: F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung, 1941. p. 97.
    in: Fink-Henseler, Roland W. (ed.). Brevier fernöstlicher Weisheit. Sprichwörter, Aphorismen und Gedichte aus Japan und China. Bayreuth: Gondrom Verlag, 1984. p. 11.
    Partial translation.
  • Lao weng jing 老翁井: Der Wassermann (Su Xun 蘇洵)
    Im Brunnen hat ein alter Mann die Jugendzeit vertrauert. Sein Haus ist aus moosgrünem Stein Und weißem Sand gemauert. Sein Kommen läßt nie eine Spur Und keine Spur sein Gehen, Am Wasserspiegel Bläschen nur Im Brunnenloch entstehen. Der Alte scheint in dieser Welt Zu schaffen nichts zu haben, Und doch erschreckt er ohne Grund Gar oft die Hirtenknaben. Sein Aussehn' sollte ändern er; Und kleiden er sich müßte, Daß auf der Erde niemand mehr Von seinem Dasein wüßte.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 140.
    in: Oehlke, Waldemar. Chinesische Lyrik und Sprichwörter. Bremen-Horn: Walter Dorn-Verlag, 1952. p. 83.
    Translation quoted from "Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit (Hamburg 1929) p. 140.
  • Lao weng jing 老翁井: Der Wassermann (Su Shi 蘇軾)
    Im Brunnen hat ein alter Mann die Jugendzeit vertrauert. Sein Haus ist aus moosgrünem Stein Und weißem Sand gemauert. Sein Kommen läßt nie eine Spur Und keine Spur sein Gehen, Am Wasserspiegel Bläschen nur Im Brunnenloch entstehen. Der Alte scheint in dieser Welt Zu schaffen nichts zu haben, Und doch erschreckt er ohne Grund Gar oft die Hirtenknaben. Sein Aussehn' sollte ändern er; Und kleiden er sich müßte, Daß auf der Erde niemand mehr Von seinem Dasein wüßte.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 140.
    in: Oehlke, Waldemar. Chinesische Lyrik und Sprichwörter. Bremen-Horn: Walter Dorn-Verlag, 1952. p. 83.
    Translation quoted from "Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit (Hamburg 1929) p. 140.
  • Lei zhou ba shou (6) "Yue nü shi wu chang" 雷州八首(其六)"粵女市無常": Das Kuangtung Mädchen (Su Shi 蘇軾)
    Keinen festen Platz am Markt Hat das Kuangtung Mädchen, Nimmt den Standort, wo es just Hingelangt im Städtchen. Drei bis viermal wechselt es Wohl im Tageslaufe, Bietet Fisch und Krebse aus Überall zum Kaufe. Hat ein grünes Röcklein an, Doch es fehlt an Strümpfen. Ihr Geruch ist nach Affen Art Läßt die Nas' uns rümpfen. Doch man schelte darum nicht Auf des Landes Sitte, Wuchs doch eine Lü-tschu einst Auf in Po-tschou's Mitte.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 145.
  • Liang zhou qi er shou (1) "Pu tao mei jiu ye guang bei" 涼州詞二首 (其一) "葡萄美酒夜光杯": Im Lager (Wang Han 王翰)
    Köstlich ist das Traubenblut Und aus weißer Jad´ der Becher. Hoch zu Roß noch schmeckt´s ihm gut, Spielt die Laute noch der Zecher. Lacht nicht, wenn in Trunkenheit Auf dem Sand er kommt zu liegen. Wieviel sind seid alter Zeit Heimgekehrt heil aus den Kriegen?

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 81.
  • Lin yuan qiu ye zuo 林園秋夜作: Herbstnacht im Walde (Li Yi 李嶷)
    Halte Rast in Waldesruh, Um die Glut zu fliehen; Schau' den weißen Wolken zu, Die am Himmel ziehen. Und das Herz voll Fröhlichkeit, Freu' ich mich des Lebens. Vor mir steht der Wein bereit, Harret nicht vergebens. Nieder sinkt der Herbsttau sacht, Mond sein Licht ergießet, Bambus rauscht, in Waldesnacht Eine Quelle fließet. Ärmel füllt und Busen an Mir der Wind, der kühle. Niemandem ich sagen kann, Was ich denk' und fühle.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 77f.
  • Ling ling zao chun 零陵早春: Frühlingsbotschaft (Liu Zongyuan 柳宗元)
    Frühling, wenn du weiterziehst, Möcht Ich eins dich fragen, Wann du wohl mein Tch'in-yüan siehst, Sag', nach wieviel Tagen. Nimm den Traum der Wiederkehr Mit dir in die Ferne. In dem alten Garten wär' Ich zurück so gerne !

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 99.
  • Lo yang dao "Lo yang jia li suo" 洛陽道 "洛陽佳麗所": Loyang (Xiao Gang 蕭綱)
    Eine schöne Stadt ist Loyang, Lieblich über alle Massen, Ausgegossen ruht des Frühlings Schimmer auf den breiten Strassen. Heute zieh'n zum ersten Male Mit der Armbrust aus die Knaben, Mägdlein für die Seidenraupen Schon bereit die Körbchen haben. Goldene Schabracken glänzen Auf den drachengleichen Rossen, Windbewegt die Maulbeerzweige An den Gazeärmel stossen. Prächt'ge Wagen um die Wette Abends nach den Thoren hasten, Und des Pan-an Früchte rollen Aus dem hoch gehäuften Kasten.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 56.
  • Lu shui qu 淥水曲: Auf grünen Weiher (Li Bai 李白)
    in: Kürschner, Josef. China. Schilderungen aus Leben und Geschichte, Krieg und Sieg. Ein Denkmal den Streitern und der Weltpolitik. Leipzig: Verlag von Hermann Zieger, 1901.
  • Lu shui qu 淥水曲: Im Kahn (Li Bai 李白)
    Auf grünen Weiher Die Herbstsonn' blickt, Wo weiße Froschbiß Ein Rud'rer pflückt. Die Lotos schauen Wie kosend ihn an. Zum Tod betrübt ist Der Mann im Kahn.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899.
    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 55.
  • Lü ye shu huai 旅夜書懷: Nächtliche Fahrt (Du Fu 杜甫)
    In den zarten Gräsern rauschet Am Gestade leis der Wind. Einsam durch die Nacht hin gleitet, Hoch den Mast, mein Schiff geschwind. Weithin über alle Lande Wandert still das Sternenheer. In den Well'n des Großen Stromes Schwankt das Mondbild hin und her. Haben einst nicht meine Schriften Ehre mir und Ruhm gebracht? Alt und krank mußt ich doch weichen: Habe meinem Amt entsagt. Ruhelos umhergetrieben Bin ich wohl der Möve gleich: Zwischen Erd' und Himmel hat sie An dem Strand ihr ödes Reich.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 59.
  • Mei hua luo 梅花落: Die Pflaumenblüte (Bao Zhao 鮑照)
    Von allen Bäumen die im Hofe stehn Den Pflaumenbaum am meisten ich beklage. Und fragst du nach dem Grunde mich, ich sage: "Weil ich im Reif ihn blühen hab' gesehn." Im Reif selbst Früchte er zu treiben weiß; Er ziert den Lenz, des Hauch ihn weht gelinde. Bald fall'n die Blüten ab im kalten Winde: Er hat vom Reif die Blüten, nicht das Eis.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 20.
  • Meng dong ye shi zi 孟東野失子: Mêng Tung-yeh's Verlust seiner Söhne (Han Yu 韓愈)
    Die Söhne du verlorest. Wem mißt die Schuld du bei? Dem Himmel will ich's klagen, Daß er der Schuldige sei: "Wie kommt's, wenn du die Herrschaft Der Welt in Anspruch nimmst, Daß du stets Lohn und Strafe So ungerecht bestimmst?" "Was haben jene Menschen Denn Gutes dir getan, Daß du sie reich beschenktest Auf langer Lebensbahn?" "Und welche Schuld und Sünde Der andre hier beging, Daß er nach wenig Tagen Schon ein zum Tode ging?" Der Himmel fand nicht Muße Zu hören, was ich rief. Die Träne floß zur Erde Bis zu den Quellen tief. Und in der Erde klagte Darob die Geisterschar. Erfaßt von einem Schauer Sie tief ergriffen war. Man rief die große, weise Schildkröte drauf hervor. Auf einer Wolke reitend Klopft sie ans Himmelstor. Sie fragt, warum des Himmels Wirken so zwiegespalt, Bisweilen voller Güte, Dann wieder hart und kalt. Der Himmel gab zur Antwort: "Vom Anbeginn der Zeit Sind Himmel, Erd' und Menschen In Unabhängigkeit." "Ich häng' die Mondessichel Auf und den Sonnenball, Befestige die Sterne Am Firmamente all." "Der Mond gar oft die Sonne, Die Sonn' den Mond verschlingt. Gar mancher von den Sternen Stürzt nieder und versinkt." "Nicht ich bin es, der jemand Der Sünde klaget an: Ich kenne das Verhängnis, Er ist nicht schuld daran." "Den Wesen ist ihr Schicksal Vorausbestimmt von Haus. Wen gibt es wohl, der irgend Einfluß drauf übte aus?" "Der eine Mensch hat Söhne, Der andre sie entbehrt, Und keiner weiß, warum ihm Freud' oder Leid beschert." "Es führt der Fisch im Magen Die Eier seiner Brut. Wer könnte jedem Fischlein Gewähren Schutz und Hut?" "Die Wespe trägt nie Kinder In ihrem dünnen Leib, Und ihre ganze Sippe Bleibt immer ohne Weib." "Die Eule pickt der Mutter Gehirn und frißt es auf, Und wenn die Mutter tot ist, So ist ihr Kind wohlauf." "Wenn eine giftige Natter Und eine Schlange kreißt, Das Junge schon der Mutter Das Innere zerreißt." "Ein guter Sohn mag sein wohl Der Eltern Glück und Glanz; Auch er kann nicht vergelten Die Lieb' und Treue ganz". "Und über böse Söhne Man besser schweigen tut: Sie handeln wie die Eulen Und wie die Natternbrut". "Drum sollte, hat man Söhne, Man drob erfreut nicht sein, Und hat man keine Söhne, Nicht fühlen Schmerz und Pein". "Die großen Weisen brauchen Nicht Unterweisung mehr. Der Kluge hört die Worte Und nimmt sie sich zur Lehr'." "Der Tor vernimmt die Mahnung Und wird verwirrt und dumm. Was man ihm auch mag raten, Er ändert sich nicht um." Dies alles tief sich beugend Das weise Tier vernahm, Und noch am selben Tage Mit Botschaft heim es kam. Zur klugen Schildkröt' sprachen Die Erdengeister dann: "Geh' hin und überbringe Die Kunde jenem Mann". In jener Nacht im Traume Tung-yieh hat gesehn In schwarzem Kleid und Hute Jemanden vor sich stehn. Durch seine Kammertüre Trat er mit hastigem Schritt Und teilte ihm die Botschaft Des Himmels dreimal mit. Er neigte sich zum Gruße, Sprach Dank dem schwarzen Gast Und wurde wieder heiter. Es wich des Kummers Last.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 88-91.
  • Meng li bai er shou (2) "Fun yun zhong ri xing" 夢李白二首(其二)“浮雲終日行”: An Li T'ai-po I (Du Fu 杜甫)
    Wie von einem Ort zum andern Führt der Wolken Bahn, Mußt auch du, Freund, ruhlos wandern, Kommst am Ziel nicht an. Nacheinander jetzt drei Nächte Schaut' ich dich im Traum. Schön das Wiedersehn ich dächte; Wag's zu hoffen kaum. Wenig frommt dir meine Botschaft : "Eile schnell herbei" , Die nur Mühsal dir und Not schafft, Denn du bist nicht frei. Auf dem Fluß, den Seen streiten Wind und Well'n voll Wut, Daß des Schiffes Ruder gleiten, Fürcht' ich, in die Flut. Draußen steh ich vor den Toren, Krau' mein weißes Haar, 'S ist, als hätte ich verloren, Was mein Wunsch stets war. Ehrenschirme höf'sche Trachten Glänzen im Palast, Während du mußt einsam schmachten Und zu dulden hast. Und da sagt man noch, sie hätten Fast dich schon befreit, Hält man für den Alten Ketten Stärker doch bereit. Ach, was nützt dir, zu erwerben Tausendjähr'gen Ruhm? Wenn du einmal kommst zum Sterben, Wird es still ringsum.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 65f.
  • Ming jiu 鳴鳩: Die Waldtauben (Ouyang Xiu 歐陽修)
    Will es regnen bald, Jagt der Tauber die Täubin und ruft durch den Wald. Und die Täubin schreit zornig, daß häßlich es schallt. Ist der Regen vorbei, Lockt der Tauber die Gattin, singt fröhlich und frei. Kommt heim sie nicht eilig, tönt weiter sein Schrei. Als fort sie gejagt, ihm zu langsam sie ging, Jetzt eilt auf den Lockruf nicht gern sie herbei. Ob Regen, ob Sonn’, raunt mein Leiden mir zu. Will abends ich schlafen, so find ich nicht Ruh’. Denn wenn trübe das Wetter, muß ich hör’n euer Schrei’n. Wann endlich hört auf ihr mit eurem „ru-ku?“ Ihr seid zu den Toren zu zählen, Alle Vögel lachen euch aus; Könnt die tüchtige Gattin nicht wählen, Zusammen nicht bauen ein Haus. Ihr fliegt von den Jungen im fremden Nest fort, Und die Lebensgefährtin verlaßt ihr sofort. Die Liebe des Gatten dem Bergriesen gleicht: I m Nu eure Liebe und Treue entweicht. Euer Herz ist wohl jeden Gefühles nicht bar; Daß Wesen so töricht, ist traurig fürwahr. Seht Freunde ihr nicht, Wie auch Menschenherzen verschlagen gar sehr? In Not und Gefahr, da kommt man sich näh’r, Doch wer morgens verwandt, gilt schon abends als Feind. Ach, daß Freundschaft zu wahren, seit alters so schwer!

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 115.
  • Ming yan 鳴雁: Die Wildgans (Han Yu 韓愈)
    Klagend klingt ihr Wanderlied, Wenn vorbei die Wildgans zieht. Südwärts fliegt im Herbst sie fort. Und im Lenz zurück gen Nord. Wird es kalt, ist wohl bekannt Ihr der Weg ins warme Land. Erd' und Himmel dehnt sich weit, Und zur Rast ist wenig Zeit. Bitterkalt wehn Schnee und Wind, Spärlich Reis und Hirse sind. Manche Feder sinkt herab, Und ihr Körper magert ab. Klagend flattert sie umher, Kein Genosse folgt ihr mehr. Winkt ein Eiland nur von fern, Ließe sie sich nieder gern. In Kiangnan die Wasser stehn, Drüberhin die Wolken wehn. Hoch das Gras ist, weich der Sand, Und kein Netz ist aufgespannt. Einträchtig der Gänsezug Hält dort an in seinem Flug. Alles Leid man schnell vergißt, Und das Herz zufrieden ist. Sage Freund, was meinest du? Strebt man bald den Wolken zu?

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 87f.
  • Mu chun gui gu shan cao tang 暮春歸故山草堂: Rückkehr zum Gartenhaus (Qian Qi 錢起)
    Im Tal geht der Lenz zu Ende, Gelbvöglein eilen davon. Noch fliegen die Mandelblüten, Verblüht sind Magnolien schon. Wie schaut so lieb und bescheiden Der Bambus durch's Fensterlein! Mit seinem kühlen Schatten Er hart der Rückkehr mein.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 81f.
  • Mu chun you gan 暮春有感: Frühlingsstimmung (Ouyang Xiu 歐陽修)
    Meine stille Traurigkeit Will durchaus nicht schwinden, Scheint gar durch die Frühlingszeit Nahrung noch zu finden. In der Blumen Kelch hinein Weiche Lüfte dringen, Blütenzweig' im Sonnenschein Auf und nieder schwingen. Emsig fliegt die Biene aus, Nippt von Blüten sonnig, Denn noch ist nicht voll ihr Haus Von dem klaren Honig. Doch des Frühlings Herrlichkeit, Sie vergeht geschwinde. Blüten fallen weit und breit Und verwehn im Winde. Nichts erscheint den Faltern schwer; Nur im Nichtstun tüchtig, Flattern lustig sie umher, Wie der Lenz so flüchtig. Hin und her die Vögel zieh'n, Und man hört sie singen. Ihre neuen Melodien Weich wie Flöten klingen. Sommerfäden wall'n im Tanz, Sich um gar nichts kümmernd, Und im hellen Sonnenglanz Viele Fuß lang schimmernd. Also herrscht im Weltenall Schaffendes Gestalten, Und die Wesen fühlen all' Jetzt des Frühlings Walten. Ich nur passe nicht hinein: Frühling lacht mir nimmer, Lange liege ich allein Krank im öden Zimmer. Ach, die schon verfloss'ne Zeit Nichts zurück kann bringen, Und es schafft nur Traurigkeit Mir mein lautes Singen.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 112f.
    in: Oehlke, Waldemar. Chinesische Lyrik und Sprichwörter. Bremen-Horn: Walter Dorn-Verlag, 1952. p. 81f.
  • Mu lan shi er shou (1) "Ji ji he li li" 木蘭詩二首 (其一) "唧唧何力力": Mulan (Anonymous (Lu Qinli))
    Vor der Thür sitzt Mulan webend, Si-si hebt die Webspul' an. Doch man hört nicht auf ihr Summen, Hört nur traurig seufzen Mulan. "Sage, Jungfrau, an wen denkst du? Und für wen ist dieses Sinnen?" "O, ich denke ja an Niemand, Und für Niemand ist mein Sinnen." "Gestern Nacht sah ich den Kriegsbrief: Es entbeut der Khan den Heerbann, Und auf jedem der zwölf Blätter Stand der Vater mein als Wehrmann." "Wenn mein Vater ält're Söhne, Mulan ält're Brüder hätte! Ich will Ross und Sattel kaufen, Kämpfen an des Vaters Stätte." Darauf kaufte sie ein Streitross Oestlich an des Marktes Ecke, Mehr nach Westen hin erstand sie Sattel auch und Satteldecke. Auf der Südseite des Marktes Kaufte sie ein Zaumgeschirre, Und im Norden eine Peitsche, Langgestielt mit langer Schnüre. Morgens schied sie von den Eltern, Ruhte Nachts am gelben Flusse; Hörte nicht der Eltern Rufen, Lauschte nur dem Wogengusse. Früh vom Huang-ho scheidend kam sie Nachts beim Schwarzfluss zum Quartiere, Hörte statt der Eltern Rufen Nur Mongolen-Ross-Gewieh're. An zehntausend Li durcheilte Sie im stolzen Heereszuge, Ueber Berg und Pässe ging es, Wie in einem einz'gen Fluge. Und es trug den Klang des Gonges Nordluft weit durch alle Lande, In dem kalten Strahl der Sonne Funkelten die Stahlgewande. Lange kämpfte man, der Feldherr Schlug wohl hundert blut'ge Schlachten, Zehn Jahr' später erst die Krieger Endlich an die Heimkehr dachten. Als zurück sie in der Heimat, Nahten sie dem Himmelssohne, Im Palast der Sohn des Himmels Sass auf seinem Kaiserthrone. Er verteilt an die Tapfern Land zu Leh'n und and're Spenden, Zwölfmal musste im Register Man dabei die Blätter wenden. Auch zu Mulan hingewendet Fragt der Khan, was sie begehre: "Mulan taugt nicht zum Beamten; Trachtet nicht nach Rang und Ehre." "Ein Kameel nur möcht ich leihen, Welches Tausend Li marschieret, Dass es eilig zu den Meinen, In mein Dorf zurück mich führet." Als von ihrer Tochter Rückkehr Beide Eltern Kunde hatten, Gingen wechselseits sich stützend, Vor das Thor die beiden Gatten. Als von Mulan's Rückkehr Nachricht Ihre Schwester hatt' empfangen, Trat sie an die offne Thüre, Schmückte sich mit Roth die Wangen. Auch als man dem jüng'ren Bruder Von der Rückkehr Nachricht brachte, Schärfte er sofort ein Messer, Dass ein Schwein und Lamm er schlachte. Durch das Ostthor ein trat Mulan, Setzte auf dem Bett sich nieder, Legte ab die Kriegsgewandung, Nahm die früh'ren Kleider wieder. Um ihr wolkig Haar zu glätten Trat sie an den Fensterflügel, Flocht Gewinde gelber Blumen In das Haar sich vor dem Spiegel. So ging Mulan vor die Hausthür, Wo sie fand die Kampfgefährten. Staunend sahn sie die Genossen, Die des Schrecks sich kaum erwehrten. Sprachen: "Zwölf der Jahre waren's, Seit sie dient' in uns'rem Heere, Dennoch haben nie geahnt wir, Dass sie eine Jungfrau wäre."

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 112-114.
  • Ni ke cong yuan fang lai shi 擬客從遠方來詩: Die Zither (Bao Linghui 鮑令暉)
    Mein Schatz hat eine Zither Mir zum Geschenk gemacht; Sie ward durch einen Wand'rer Von fern mir überbracht. Dass mein in Lieb' er denket, Am blanken Holz ich seh'; Den Saiten nun entklinget Ein Lied von Trennungsweh. Ich werde dieses Klanges Gedenken immerdar, Es bleibt zu allen Zeiten Mein Herz unwandelbar. Ein Lied wohl möcht' ich singen Von holder Frühlingszeit, Dass es in vollen Tönen Erschalle weit und breit.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 47.
  • Ni wan ge ci san shou (1) "You sheng bi you si" 擬挽歌辭三首 (其一) "有生必有死": Todtenphantasie I (Tao Yuanming 陶淵明)
    Alles, was geboren ward, Muss im Tode enden, Nicht das Schicksal ist's, das hart Drängt zum früh Vollenden. Gestern Abend nannten mich Menschen ihresgleichen, Heute früh schon weile ich In den Schattenreichen. Wohin mag die Seele mein Jetzo sein zerstoben, Während man mein dürr' Gebein In den Sarg gehoben? Wie mein zartes Söhnchen weint! Muss mich von ihm kehren, Meine Hand der treue Freund Streichelt unter Zähren. Unerforschlich ist und leer Mir das Dinge Wesen, Ja ich kann nicht scheiden mehr Gutes jetzt vom Bösen. Wer wohl nach Aeonen ist Noch dazu im Stande, Dass im Geiste er ermisst, Was Ruhm sei, was Schande? Eins ich stets beklagen muss, Dass in meinem Leben Nicht genug dem Weingenuss Ich mich hingegeben.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 38f.
    in: Oehlke, Waldemar. Chinesische Lyrik und Sprichwörter. Bremen-Horn: Walter Dorn-Verlag, 1952. p. 47f.
  • Ni wan ge ci san shou (2) "Zai xi wu jiu yin" 擬挽歌辭三首 (其二) "在昔無酒飲": Todtenphantasie II (Tao Yuanming 陶淵明)
    Selten hab' an reinem Wein Ich mich einst ergötzet. Jetzt mit Wasser man allein Leere Becher netzet. Auf dem jungen Most der Schaum So einladend leuchtet. Wird davon wohl je mein Gaum' Noch einmal befeuchtet? Auf den Tischen hat ein Mahl Man mir aufgetragen. Bitter die Verwandten all' Meinen Tod beklagen. Möchte sprechen; keinen Ton Meine Lippe findet. Möchte sehn; auf immer schon Ist mein Aug' erblindet. Während eh'dem im Palast Ich geschlummert habe, Halte ich jetzt stille Rast Hier im Haidegrabe. Kein Mensch wählt zum Schlaf den Ort, Hier auf öder Haide. Ueber kahle Felsen fort Schweift der Blick in's Weite. Aus der Grabesthür hinaus, Wenn den Weg ich fände Und zurück käm' in mein Haus, O, Glück ohne Ende!

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 39f.
  • Ni xing lu nan shi ba shou (10) "Jun bu jian wu hua bu zhong chao" 擬行路難十八首 (其十) "君不見蕣華不終朝": Tod (Bao Zhao 鮑照)
    Siehst du nicht, wie bald der Eibisch, Eh' der erste Tag sich neigt, Müd' lässt Blatt und Blüthen sinken Und dahinwelkt und verbleicht? Also zieht es auch den Menschen, Dem der Jugend Rosen blüh'n, Denn gar bald die Schönheit schwindet, Zu der Grabespforte hin. Ist er einmal hingeschieden, Giebt es keine Wiederkehr; Jahre kommen, Jahre gehen, Keine Silbe spricht er mehr. Einsam zwischen öden Hügeln Die verlass'ne Seele lebt, Und der Geist, unstätig irrend, Einsam um das Grabmal schwebt. Nur des Windes Heulen hört man, Und ein wilder Vogel schreit. O, wie anders, o, wie anders War die holde Jugendzeit! Doch was sollen diese Bilder? Schaffen nur dem Menschen Pein. Unserm Herzenszuge folgend Woll'n wir froh und heiter sein.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 41f.
  • Ni xing lu nan shi ba shou (5) "Jun bu jian he bian cao" 擬行路難十八首 (其五) "君不見河邊草": Leben (Bao Zhao 鮑照)
    Siehst du nicht am Fluss im Winter Wie das Gras erstirbt, verdorrt, Und wie es im nächsten Frühling Neu ergrünet fort und fort? Siehst du nicht, wie heut' die Sonne Hinter Bergen untergeht, Ob der Stadtmauer und morgen In der Früh' auf's Neu ersteht? Wie lang wird mein Dasein währen? Jetzt das Leben, dann das Grab; Nach dem Tod steig' ich auf ewig Zu den gelben Quell'n hinab. Viele Trübsal bringt das Leben Und nur wenig Freud' und Lust, Ist doch grad' in jungen Jahren So an Wünschen reich die Brust. Ging es nur nach meinem Willen Bis zu Ende meine Zeit, Läge stets vor meinem Divan Geld zum Weinkauf auch bereit. Ehre, Ruhm und schöner Nachruf Ist nicht das, wonach ich streb': Leben, Tod, Ansehn, Missachtung Ich anheim dem Himmel geb'.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 40f.
  • Ni xing lu nan shi ba shou (6) "Dui an bu neng shi" 擬行路難十八首 (其六) "對案不能食": Der Krieger (Bao Zhao 鮑照)
    Ich sitze hier bei meinem Mahl, Mag keine Speise kosten, Hau' seufzend meines Schwertes Stahl Ein in den Säulenpfosten. Wie lange denn, so frag' ich mich, Währt eines Mannes Leben? Hätt' Flügel ich, wie wollte ich Gar schnell von hinnen schweben. Würd' achten keine Ordnung mehr, Mein Amt gleich niederlegen; Und wenn ich dann daheim erst wär', Der Ruh' und Musse pflegen. Sollt' ich des Morgens gehen aus, Mich von den Meinen reissen, Käm' heim ich Abends doch nach Haus, Zurück zu ihren Kreisen. Wie würd' ich mich am Spiel erfreun Des Sohns, vor meinem Bette! Am Webestuhl die Gattin mein Ich stets vor Augen hätte. Die Weisen selbst seit alter Zeit Sich arm, verachtet fanden: Wie sollte meine Wenigkeit Frei sein von Unglücksbanden?

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 42.
  • Ni xing lu nan shi ba shou (7) "Chou si hu er zhi" 擬行路難十八首 (其七) "愁思忽而至": Die Nachtschwalbe (Bao Zhao 鮑照)
    Gedanken trüb' bedrücken Auf einmal meinen Sinn; Schwing' mich auf Rössleins Rücken, Reit' durch das Stadtthor hin. Das Haupt heb' in die Höh' ich, Rings schweift das Auge mein, Doch nur Cypressen seh' ich Und einen Fichtenhain. Es stehn von Dornenbüschen Nicht wenige darin. Ein Vogel lebt dazwischen: Nachtschwalbe heisst man ihn. Der Geist ist's, hört man sagen, Des Kaisers Wang von Schuh. Sein Schreien klingt wie Klagen, Es tönet immerzu. Gar dürftig sein Gefieder Wie's Haar des Kahlkopf's ist; So fliegt er auf und nieder Und Holzameisen frisst. Das ist einmal gewesen Des Kaisers Majestät! Es giebt kein ird'sches Wesen, Das nicht zu Grunde geht! Ich denk' an Tod und Leben Und an Vergänglichkeit, Und fühl' mein Herz erbeben Vor namenlosem Leid.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 43.
  • Ni xing lu nan shi ba shou (9) "Cuo bo ran huang si" 擬行路難十八首 (其九) "剉蘗染黃絲": Verlorene Liebe (Bao Zhao 鮑照)
    Damals, als zum ersten Male Den Geliebten ich geschaut, Hab' ich nicht an ihm gezweifelt, Habe ganz mich ihm vertraut. Und als wir dann eins geworden, Sprach er: "Nie ich von dir geh', Nicht im Leben, nicht im Tode, Nicht im Glücke, nicht im Weh!" Jetzt, da er die Jugendfrische, Meiner Wangen schwinden sah, Hat den Schwur er längst vergessen, Kalt, gleichgültig steht er da. Will zurück den Pfeil ihm geben Und die Schildplattnadel all', Denn ich kann sie nicht mehr sehen, Sie erhöhn nur meine Qual.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 44.
    Please note that the translation is missing the first to lines of the poem.
  • Pei ou yang gong yan xi hu 陪歐陽公燕西湖: An Ou-yang Hsiu (Su Shi 蘇軾)
    Soll, Freund, ich dich als Jüngling preisen, Da schon dein Bart so weiß wie Schnee? Kann sprechen ich von einem Greisen, Wenn ich dein frisches Antlitz seh'? Komm auf den See mit, ohne Zaudern, Und trink von meinem besten Wein; Wenn wir erst trunken, wird das Plaudern Lebhafter noch und lust'ger sein. Auf Bäum' und Sträucher im Gestade Fiel schon der erste Reif bei Nacht. Hibiskus mit den Astern grade Wetteifern noch an Farbenpracht. Ich tanze, Blumen in dem Haare, Wünsch' langes Leben dir und Glück. Du aber meinst, selbst hundert Jahre Halten vor Torheit nicht zurück. Mit Tsch'i-sung wandernd sich ergötzen, Wär' wahrlich gar so übel nicht. Doch wie soll den Ambrosia letzen, Dem es an Speis' und Trank gebricht? Ob früh mein Tod, ob lang mein Leben, Vertrau' ich ganz dem Himmelsherrn; Die andern mögen hasten, streben, Ich huldige der Freude gern. Die Abendnebel werden dichter, Zur Mauer fliegt die Rabenbrut, Und Silberampeln, bunte Lichter Erhell'n des Sees klare Flut. Ich bitte dich, dem Trunk zu frönen, Verschmäh' auch nicht den heitern Sang; Es fehlt uns, unser Glück zu krönen, Nur Huan Yi noch und Harfenklang.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 133.
  • Pei wang shi yu tong deng dong shan zui gao ding yan yao tong quan wan xie jiu fan jiang 陪王侍御同登東山最高頂宴姚通泉晚攜酒泛江: Nächtliches Fest (Du Fu 杜甫)
    Wer als Beamter gleichzustellen Wär dem Herrn Yao wohl von T'ung-tch'üen? Man kann im Altertum gesellen Doch nur in T'ai-tch'iu ihm den Tsch'ên. In seiner Stadt von allen Gästen Zumeist geehrt ein Zensor ward: Stets hat Yao Zeit zu frohen Festen Und macht mit diesem manche Fahrt. Des Ostbergs Gipfel wird erstiegen. Dort steht ein üppiges Mahl bereit. Im Tal tief sieht die Stadt man liegen; Es schwindet alle Traurigkeit. Als zu des Stromes grünen Wogen Der weiße Sonnenball sich neigt, Sind Herrn und Damen fortgezogen; Ein buntes Schiff man flugs besteigt. Schwermütig auf den Wassern klingen Und klagen Flöten und Schalmei'n. Die Schönen sich im Tanze schwingen Bis in die tiefe Nacht hinein. Bei den Lampions oft hört man's rauschen: Ein großer Fisch dann taucht empor, Als wolle er den Klängen lauschen Und brächte eine Bitte vor. Zur dritten Nachtwache erhebt sich Ein Wind; die Wogen rollen schwer. Vom Schrei'n der Fröhlichen belebt sich Das Schiff; man merkt, es schwankt nicht sehr. Am Himmel sieht man schon erbleichen Des Sternenstromes sanftes Licht; Die Gäste nicht vom Sitze weichen, Noch fühlen sie Ermattung nicht. Ich schlage vor, jetzt umzulenken Das Schiff, wo es am tiefsten fließt, Und keinen Wein mehr zu verschenken, Damit zu Pferd bald heim man ist. Mag auch der Mensch sich baß ergötzen, Die Lust schier ohne Ende sein, Scheint doch, im Morgentau zu netzen Das Kleid, mir nicht besonders fein.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 62f.
  • Pei zhu gui gong zi zhang ba gou xie ji na liang wan ji yu yu er shou (1) "Luo ri fang chuan hao" 陪諸貴公子丈八溝攜妓納涼晚際遇雨二首(其一)“落日放船好”: Bootsfahrt ("Schön ist's, wenn die Sonne sinket" (Du Fu 杜甫)
    Schön ist's, wenn die Sonne sinket, Auf dem Kahn hinauszugleiten. Eine Brise treibt die Wellen Hemmend an des Schiffes Seiten. Wo am dichtesten der Bambus, Ist der Ort, zu fliehn die Schwüle, Und, wenn rein die Lotos duften, Schlürfen wir die Abendkühle. Während die Getränke mischen Unsre jungen Herrn mit Eise, Sind geschäftig auch die Schönen, Spülen rein die Lotosspeise. Eine schwarze Wolke seh' ich Uns zu Häupten sich verdichten. Das gibt Regen, und es drängt mich, Schnell noch dieses Lied zu dichten.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 63.
    in: Oehlke, Waldemar (ed.). Seele Ostasiens. Chinesisch-japanischer Zitatenschatz. Berlin: F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung, 1941. p. 96f.
    in: Fink-Henseler, Roland W. (ed.). Brevier fernöstlicher Weisheit. Sprichwörter, Aphorismen und Gedichte aus Japan und China. Bayreuth: Gondrom Verlag, 1984. p. 8f.
    The German title is only applied in "Dichtungen".
  • Qi shang song zu san 淇上送祖三: Abschied (Wang Wei 王維)
    O, wie lachten heiter wir, Als wir uns gefunden! Jetzt, da du ziehst fort von hier, Kommen Tränenstunden. Traurig, daß der Aschied naht, Speisen wir gemeinsam. Ach! daß ich zur öden Stadt Bald muß kehren einsam. Es ist kalt und ferne winkt Das Gebirge gleißend. Schon die Abendsonne sinkt, Und der Strom fließt reißend. Nunmehr löset man das Tau ; Fort trägt dich die Welle. Lange ich dir nach noch schau' An derselben Stelle.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 28f.
  • Qian you yi zun jiu xing er shou (1) "Chun feng dong lai hu xiang guo" 前有一樽酒行二首(其一)“春風東來忽相過”: Beim Wein (Li Bai 李白)
    Der Frühlingswind im Ost sich regt Und schnell vorübersäuselt, Im gold'nen Becher leicht bewegt, Der klare Wein sich kräuselt. Der Blüten weht herab der Wind Gar viele, die verblühet. Halb trunken ist das schöne Kind, Vom Wein die Wange glühet. Wie lang' wird Pflaum- und Pfirsichbaum Noch vor dem Fenster prangen? Der flücht'ge Glanz, ein kurzer Traum, Wie bald ist er vergangen. Wohlauf zum Tanz! Die Sonne sinkt. Wer nicht in jungen Jahren Die Freude bis zur Neige trinkt, Vergebens einst die Hände ringt Mit seidenweißen Haaren.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899.
    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 48f.
    in: Oehlke, Waldemar. Chinesische Lyrik und Sprichwörter. Bremen-Horn: Walter Dorn-Verlag, 1952. p. 59f.
  • Qian you yi zun jiu xing er shou (1) "Chun feng dong lai hu xiang guo" 前有一樽酒行二首(其一)“春風東來忽相過”: Wohlauf zum Tanz! Die Sonne sinkt (Li Bai 李白)
    in: Fink-Henseler, Roland W. (ed.). Brevier fernöstlicher Weisheit. Sprichwörter, Aphorismen und Gedichte aus Japan und China. Bayreuth: Gondrom Verlag, 1984. p. 118.
  • Qian you yi zun jiu xing er shou (2) "Qin zou longmen zhi lütong" 前有一樽酒行二首(其二) “琴奏龍門之綠桐”: Ein Gleiches (Li Bai 李白)
    Horch die Zither, die in Lung-mên Ward aus Wutong Holz geschaffen. Voll des klarsten Wein's erscheinen Leer die prächtigen Karaffen. In die Saiten greift die Schöne, Die ringsrum den Wein kredenzet. In Smaragd verschwimmt das Rot ihr, Purpurn ihre Wange glänzet. Eine lieblich holde Blume Sieht die Kellnerin man stehen, Wenn sie hinter'm Schanktisch lächelt, Ist's wie lindes Frühlingswehen. Tanz im leichten Gazeflore! Lächelnd mild gleich Frühlingswehen! Willst du, Freund, bevor du trunken, Wirklich schon von dannen gehen?

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899.
    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 49.
    Der Titel lautet vermutlich nur Ein Gleiches. Muss aber noch mit dem anderen Werk gegengechekt werden.
  • Qin cao shi shou (7): Lü shuang cao 琴操十首 (其七): 履霜操: Der Verstoßene (Han Yu 韓愈)
    O Vater! sieh', es friert dein Sohn. Den Sohn, o Mutter! Hunger quält. Man schlage ihn, wenn er gefehlt, Doch nicht Verstoßung sei sein Lohn! In dieser Öde leb' ich hier, Treib' mich tagein tagaus herum. Kein Menschenlaut ertönt ringsum, Und niemand kommt und spricht mit mir. Wo find' ich, wenn es kalt, ein Kleid? Wo Speise, wenn ich hungrig bin? Ich schweife durch die Wildnis hin. Die Füße sind vom Reif beschneit. Für einen Sohn das Mutterherz Von Lieb' und Mitleid stets erwarmt, Wenn keine Mutter sich erbarmt, Dann mag er klagen seinen Schmerz.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 85f.
  • Qin cao shi shou (9): Bie hu cao 琴操十首 (其九): 別鵠操: Die Reiher (Han Yu 韓愈)
    Der Reiher trägt im Schnabel Zum Nest ein Zweiglein fein; Mit einem Stückchen Erde Kehrt heim die Gattin sein. Das Nest ist bald vollendet, Doch unfruchtbar die Eh'. Die Sitte will, daß deshalb Man auseinander geh'. O, wie sind doch die Fluten Des Kiang und Han so weit, Daß ganz darauf verschwindet Des Reihers Winzigkeit. Sie würden in dem Wasser Sich finden nimmermehr, Woll'n um die Bäume fliegen Hintereinander her.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 86.
    in: Fink-Henseler, Roland W. (ed.). Brevier fernöstlicher Weisheit. Sprichwörter, Aphorismen und Gedichte aus Japan und China. Bayreuth: Gondrom Verlag, 1984. p. 92.
  • Qin nü xiu xing 秦女休行: Nü-hsiu (Zuo Yannian 左延年)
    Wenn man hinan zum Westthor steigt, Des Tsin Clans Heim von fern sich zeigt. Ein Mägdlein wuchs aus diesem Stamme, Voll Anmuth, Nü-hsiu war ihr Name. Als kaum ihr fünfzehnt Jahr anfing, Sie ihr Geschlecht zu rächen ging. Man sah ein Schwert in ihrer Linken, Den Speer in ihrer Rechten blinken. Am Ostthor sie den Todfeind fand, Hin sank er, auf sie zugewandt. Fort musst' sie ins Gebirge eilen, Nach Westen floh sie vier, fünf Meilen. Am Pass herrscht sie die Wache an. Nü-hsiu bekennt, was sie gethan: "Die als Yen's Fürstin dagestanden, Hält man im Kerker jetzt und Banden." "Wie reich sonst meine Kleidung war! Jetzt fehlt mir Rock und Umhang gar. Allein ich weiss, wer Blut liess fliessen, Den Mord muss mit dem Tode büssen." "Der ält're Bruder trieb zur That, Der jüng're ernst gewarnt mich hat, Jedoch mein Haus ich rächen wollte, Und wenn dafür ich sterben sollte." Weil sie am Markt verübt den Mord, Schleppt man sie durch die Gassen fort, Nach Osten sie zum Richtstuhl führend: Nü-hsiu naht zitternd, kettenklirrend. Gesellen zwei zu jeder Seit': Man hält's fünffüss'ge Schwert bereit, Schon will es fall'n, da horch! man rühret Die Trommeln: Gnad' ist dekretiret.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 96f.
  • Qin zhong yin shi shou Qing fei 秦中吟十首 輕肥: Verschiedenes Los (Bai Juyi 白居易)
    In dichten Scharen, mit stolzem Sinn Reiten sie auf der Straße dahin. Die Sättel, der Rosse blankes Fell Trotz dem Staube erglänzen hell. Ich möchte mich erkundigen gern, Wer wohl sind diese hohen Herrn? Darauf erwidert mir irgendwer, Es seien Beamte vom Hofe her. Wer scharlachroten Gürtel hat, Ist immer ein Geheimer Rat, Und an dem purpurfarbenen Band Wird leicht der General erkannt. Im Lager gibt man ein festliches Mahl, Zu diesem eilen die Stolzen all'. Wie eine Wolke von Mann und Roß So zieht dahin der ganze Troß. Aus Humpen, Pokalen, Kanne und Krug Strömt hervor des Weins genug. Es sendet aus weiter Ferne her Erlesene Genüsse Land und Meer. Von allen Früchten zumeist entzückt Die Orange, am Tung-t'ing See gepflückt, Und man servieret als Hasché Die schuppigen Fische des "Himmelssee". Die üppingen Tafelfreuden just Erwecken den Frohsinn in der Brust. Weinlaune auch und Trunkenheit Vermehren noch die Heiterkeit. Und dabei eine Dürre war Im Kiang-nan Gebiet in diesem Jahr. In Tch'ü-tschou gar, wie man erfährt, Ein Mensch den andern hat verzehrt.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 92f.
  • Qiu feng ci 秋風辭: Flussfahrt (Liu Che 劉徹)
    Vom Herbstwind fortgetrieben Die weissen Wolken flieh'n. Es welken Bäume und Sträucher; Die Gänse zum Süden zieh'n. Nur Orchideen noch prangen Und Chrysanthemen blüh'n. Ich denke an meine Holde, Sie kommt mir nicht aus dem Sinn. Im Hochdeckschiffe fahr' ich Den Fen entlang, den schnell'n. Es treibt inmitten des Stromes, Aufwühlend die weissen Well'n. Zu Flöten- und Paukenklängen Ein Ruderlied erschallt, Doch stärker als all' diese Freuden Ist meines Schmerzes Gewalt. Wie lang bleibt Kraft und Jugend? Wie bald, so sind wir alt!

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 8.
  • Qiu ye du zuo 秋夜獨坐: Herbstnachtgedanken (Wang Wei 王維)
    Hier sitze ich in Einsamkeit, Betrübt, daß weiß mein Haar beschneit. Mir scheint in der Halle Leere, Als ob zweite Nachtwach' schon wäre. Am Berge fällt mit dumpfem Schall Manch' reife Frucht im Regenfall. Es singen beim Lampenscheine Die Zirpen im Vereine. Unmöglich ich des Haares Schnee In Schwarz zurückverwandelt seh' , Gerade wie Gold zu gewinnen Aus Eisen ein nutzlos Beginnen. Wär's möglich, hielte ich mir gern Die Krankheit und das Alter fern. Trost kann uns die Lehre nur geben, Daß nichtiger Schein unser Leben.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 31f.
  • Qiu ye shi "Gao qiu du han gu" 秋夜詩 "高秋度函谷": Herbstnacht (Xiao Gang 蕭綱)
    Ich wand'l in einem dunklen Thal – Schon geht der Herbst zu Neige – Es fällt der Thau herab auf all' Die Blätter und die Zweige. Schwer lagert auf dem grünen See Der Nebeldunst, der graue, Und über blaue Bergeshöh' Da lugt des Mondes Braue. Der Blumen Kelche hin und her Bewegt vom Winde, gaukeln, Und in dem wogenden Blättermeer Die Zweige der Bäume schaukeln. So bin ich einsam und fernab Wohl tausend Li marschiret. Wie oft ich Nachts geseufzet hab', Das hat Niemand verspüret.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 59.
  • Qiu yue er shou (1) "Gu zhen ye he shui" 秋月二首(其一)"孤枕夜何永": Herbstnacht (Kong Wenzhong 孔文仲)
    Wie endlos scheint mir die Nacht zu sein! Ruh' einsam auf meinem Pfühle. Zerbrochen ist das Fenster mein; Ich fühle des Herbstes Kühle. Ein Regenschauer bricht herein, Das meine Träume verscheuchet, Und in mein dünnes Gewand hinein Die eisige Nachtluft schleichet. Die Schneide wird schartig, die Spitze stumpf Auch bei den schärfsten Klingen; Der graue Habicht brütet dumpf, Zieht ein seine starken Schwingen. Einst konnte noch mein kühner Mut Die stolze Brust mir schwellen, Draus ward jetzt eine Tränenflut Mit nie versiegenden Quellen.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 149.
  • Qu jiang er shou (1) "Yi pian hua fei jian que chun" 曲江二首(其ㄧ)“一片花飛減卻春”: Weinlied (Du Fu 杜甫)
    Es flog vorbei ein Blütenblatt, Zeigt, daß der Lenz vorüber. Viel Blütenstern' zerstreut schon hat Der Wind, das stimmt uns trüber. Die Blumen, die dem Tod nicht fern, Erscheinen meinen Blicken; Drum möcht' ich meine Lippen gern Voll Schmerz am Wein erquicken. Eisvogel hat im kleinen Haus Am Fluß sein Nest gebauet. Am Gartenrand vom Grabmal aus Das ruh'nde Einhorn schauet. Wer klar der Dinge Wesen sieht, Wird nur der Freunde pflegen Und nicht für Ruhm, der schnell entflieht, Sich Fesseln auferlegen.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 67.
  • Qu jiang er shou (2) "Chao hui ri ri dian chun yi" 曲江二首(其二)“朝回日日典春衣”: Ein anderes (Du Fu 杜甫)
    Von Hofe kommend, häufig muß Ich mein Gewand verpfänden, Und immer pflege ich vom Fluß Mich trunken heimzuwenden. Auch Schulden hab' ich, wo ich war, Für Wein noch zu begleichen. Kurz ist das Leben, siebzig Jahr Nur wenige erreichen. Sieh', in den Kelch der Blumen dringt Der Schmetterling soeben. Vom Wasser die Libelle trinkt, Auf dem sie liebt zu schweben. So flüchtig wie ein schöner Schein Zerfließt auch unser Leben. Drum laßt uns jetzt noch fröhlich sein, Dem Glück nicht widerstreben.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 67f.
  • Que dong xi men xing "Hong yan chu san bei" 卻東西門行 "鴻鴈出塞北": Der Zug nach der Heimat (Cao Cao 曹操)
    Geflogen weit vom Nordwall her Die wilden Gänse kommen, Wie sie von Wiesen menschenleer Den Flug gen Süd genommen. Viel tausend Meilen leicht beschwingt Sie durch die Lüfte fliegen, Wohin sie auch die Reise bringt, In festgeschloss'nen Zügen. Im Süden sie zur Winters Zeit Vom Reiskorn sich ernähren. Sobald der Frühling sich erneut, Sie heim zum Norden kehren. - Auf's off'ne Feld geworfen sind Schlingpflanzen, sturmdurchrüttelt; Von weit hat sie geweht der Wind, Der hin und her sie schüttelt. Sie sind gelöst auf immerdar Von Wurzeln und von Stengeln, Auf ewig jeder Stütze bar, Um sich empor zu schlängeln. – Ach! auch den armen Krieger hat Solch' Missgeschick ereilet, Da er verliess die Heimatstadt Und fern im Westland weilet. Sein Ross nie ohne Sattel ist, Geschirret stets zum Streite; Der Panzer seinen Leib umschliesst, Nie legt er ihn bei Seite. Allmählich naht das Alter schwer: Wie lange wird's noch währen, Bis in die alte Heimat er Kann endlich wiederkehren? In seines Bronnens Tiefe sucht Der Drache sich zu bergen; Das wilde Thier durch Thal und Schlucht Eilt zu geliebten Bergen. Der Fuchs pflegt, wenn er sterben soll, Zurück zum Bau zu schleichen. Wem möchte die Erinn'rung wohl Der Heimat je entweichen!

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 25f.
  • Ri ben dao ge 日本刀歌: Das japanische Schwert (Ouyang Xiu 歐陽修)
    Weit ist's bis zum Land der Kun-yi; Man gelangt dahin nur schwer. Edelsteine soll'n sie schnitzen, Doch wer weiß, ob wahr die Mär'. Kürzlich kam ein Schwert gar kostbar Aus dem Lande Japan her. Es erwarb ein Yüeh Kaufmann, Östlich von dem weiten Meer. Duft'ges Holz war seine Scheide; Eine Fischhaut klebte dran, Und wie Gold und Silber zierten Bronze es und Argentan. Hundert Unzen ein Liebhaber Für das Schwert dem Händler gab, Denn er schätzte es und wehrte Damit böse Geister ab. Jenes Land ist eine große Insel, sagt man uns, im Meer. Reich und fruchtbar ist der Boden, Und es herrscht dort Zucht und Ehr'. Einst in alter Zeit betörte Hsü Fu vieles Volk in Tch'in, Um den Lebenssaft zu suchen Führte Knaben er dorthin. Und es sind von fünf Gewerben Künstler auch mit ihm gereist. Ihre Werke man noch heute Als sehr schön und kunstvoll preist. Unter früher'n Herrschern kamen Oft Gesandte mit Tribut, Und den feinen Stil verstanden Dortige Gelehrte gut. Zu der Zeit, als Hsü Fu reiste, War noch nicht der Bücherbrand: Viele längst verscholl'ne Werke Sind noch jetzt in jenem Land. Daß man sie nach China sende, Hindert ein Verbot gar streng. Niemand ist dort, dem zu deuten Jene alte Schrift geläng'. Satzungen der alten Fürsten Birgt ein Land der Barbarei. Durch die Flut der blauen Wogen Steht der Zugang uns nicht frei. Der Gedanke hat zu Tränen Manches Auge schon gerührt, Und dem rostbedeckten Kurzschwert Kaum Erwähnung noch gebührt.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 115-117.
  • Ri xi wang jiang shan zeng yu si ma shi 日夕望江山贈魚司馬詩: Erinnerungen an die Heimath (He Xun 何遜)
    Die Pên-Stadt ist vom Flusse Pên Auf jeder Seit' umflossen, Er windet sich, ein Gürtel schön, Und hält sie rings umschlossen. Ich pflege, wenn der Tag sich neigt, Den Blick empor zu heben Zur Mauer, die gen Himmel steigt, Die Wolken rings umschweben. Die Stadt durchschwärmt manch' lust'ger Chor, Sie beut so vieles Schöne, Den Saiten und dem Bambusrohr Entlockt man volle Töne. Wohin der Klang der Flöte dringt, Verbreitet er die Freude, Doch, wenn der Harfenschlag erklingt, Stimmt er das Herz zum Leide. Wie grollend scheint die Sängerin Die Brau'n zusamm' zu drücken, Schier will die flinke Tänzerin Den schlanken Leib zerknicken. Zerzaust vom Herbstwind sinket hin Das Laub bereits, das falbe; Wildgänse in den Wolken zieh'n, Ihr Nest verlässt die Schwalbe. Dass fern ich meiner Vaterstadt, Beklage ich am Tage, Und dass ich heim am Lo-Gestad, Ich Nacht's zu träumen wage. Der Lo-Fluss ist nicht zu erspäh'n, Will sich dem Blick nicht zeigen. Ich muss, um nach ihm auszusehn, Wohl auf den Westthurm steigen. Im Strom manch' weisses Segel blinkt, Dem Land zu eilt es munter. Die runde Sonnenscheibe sinkt Auf einer Insel unter. O, wüchsen Flügel mir hervor, Könnt' Flugkraft ich gewinnen! Ich schwänge leicht mich dann empor Und flöge schnell von hinnen.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 70-72.
  • Sai xia qu (1) "Wu yue tian shan xue" 塞下曲(其一)“五月天山雪”: Kampflieder, I, "Am T'ien-schan hält der Schnee noch an" (Li Bai 李白)
    Am T'ien-schan hält der Schnee noch an Im fünften Mond, kein Blümlein kann Im eis'gen Frost entstehen. Wohl spielt man auf der Flöte schon Das "Weidenlied"; von Frühlingswonn' Ist keine Spur zu sehen. Früh ruft die Pauke auf zur Schlacht, Man muß im Schlafe selbst bei Nacht Im Arm den Sattel halten. O, könnt ich aus der Scheide gleich Das Schwert ziehn und mit einem Streich Fürst Lou-lan's Haupt zerspalten.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 35.
  • Sai xia qu (6) "Feng huo dong sha mo" 塞下曲(其六)“烽火動沙漠”: Kampflieder II, "Der Gobi Feuerzeichen Glast flammt auf" (Li Bai 李白)
    Der Gobi Feuerzeichen Glast Flammt auf; bis zum Kan-tch'üan Palast Die Wolken davon glühen. Auf springt der Kaiser, greift zum Schwert, Heißt Li-kuang, seinen Feldherrn wert, Zur Feldschlacht auszuziehen. Der Kampfruf sich zum Himmel hebt, Vom Paukenschlag die Erde bebt, Daß sich der Drache reget. Dem Feindestrotz ein Ende macht Der Krieger Mut: die erste Schlacht Hat ihn hinweggefeget.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899.
    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 35f.
  • Shan fang chun shi er shou (2) "Liang yuan ri mu luan fei ya" 山房春事二首(其二)“梁園日暮亂飛鴉”: Der Liang Park (Cen Shen 岑參)
    Im Liang Park dämmert's; es flattern In Scharen die Krähen umher; Ein paar zerfallene Hütten Erspäht das Auge nur schwer. Nicht wissen die Bäume, daß längst schon Die Höfe sind menschenleer, Und tragen im Lenz ihre Blüten Noch jetzt wie von jeher.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 79f.
  • Shan zhe gu ci 山鷓鴣詞: Das Rebhuhn (Li Bai 李白)
    Der Gipfel des K'u-tschu Bergs verklärt Im Herbstmondglanze lieget. Herab auf ein Zweiglein am Südabhang Ein Rebhuhn niederflieget. Mit einer Wildgans der Mongolei Ist es vermählet worden. "Mein Gatte", so klagt es, "möchte mich fort Nach Yen-mên führen gen Norden". "Allein ich habe vom Goldfasan Und Tatarenfasan vernommen, Wie oft durch Vögel des Nordens schon Südvogel in's Unglück gekommen". "Die grimmige Kälte im Norden soll Wie Schwert- und Lanzenstrich brennen. Am Ts'ang-wu Berg will ich meinen Nestchen bau'n, Vermag mich davon nicht zu trennen". "Zu sterben lieber als fortzuziehn Von meiner Heimat, schwör' ich". So klagt das Rebhuhn in seiner Angst Und weinet unaufhörlich.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899.
    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 51.
  • Shao nian xing er shou (2) "Wu ling nian shao jin shi dong" 少年行二首(其二)“五陵年少金市東”: Am Goldmarkt im Osten (Li Bai 李白)
    Am Goldmarkt im Osten Man Knaben erblickt Auf Schimmeln; die Sättel Sind silberbestickt. Im Lenzwind sie mitten Durch Blütenschnee ritten. Wo kehret die lust'ge Gesellschaft wohl ein? Zur Kellnerin geht es Ins Wirtshaus hinein.

    in: Oehlke, Waldemar (ed.). Seele Ostasiens. Chinesisch-japanischer Zitatenschatz. Berlin: F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung, 1941. p. 151.
  • Shao nian xing er shou (2) "Wu ling nian shao jin shi dong" 少年行二首(其二)“五陵年少金市東”: Ins Wirthshaus (Li Bai 李白)
    Am Goldmarkt im Osten Man Knaben erblickt Auf Schimmeln; die Sättel Sind silberbestickt. Im Lenzwind sie mitten Durch Blütenschnee ritten. Wo kehret die lust'ge Gesellschaft wohl ein? Zur Kellnerin geht es Ins Wirtshaus hinein.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899.
    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 43.
  • Shu ou 述鷗: Die Möve (Kong Pingzhong 孔平仲)
    Weltvergessen schläft ein Alter Nah am Fluß, berauscht vom Weine, Zwischen roten Wasserlilien; Ruht auf einem alten Steine. Plätschernd fluten grüne Wellen, Doch die stören ihn nicht weiter. Weiße Wolken ziehn am Himmel, Wie sein Sinn, so leicht und heiter. Wohl bekannt ist längst den Möven Dieses Alten Tun und Treiben, Und sie rufen die Genossen, In des Alten Näh zu bleiben. Lustig trinken sie und fressen, Ohne Furcht und Scheu zu zeigen, Schwimmen oder tauchen unter, Ohne ängstlich aufzusteigen. Fischer, welche sie erspähten, Schnell beschlossen, sie zu fangen, Und mit Netzen in den Händen Zu des Alten Heim gelangen. Doch den vielen Möven scheinet Ihr Gebaren sehr verdächtig. Tausend Li weit fliehn sie flatternd, Dann erst schau'n sie um bedächtig. Nicht den Alten sie mißachten, Seinetwegen nicht in Hast sind, Doch sie merkten die Gefahr schon, Ehe sie davon erfaßt sind. Als die Fischer mit den Netzen Nicht mehr in der Nähe waren, Früh und spät umkreisten lustig Jenen Alten ihre Scharen.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 151.
    Title in table of contents is "Die Möve", while title above the poem itself is "Die Möven", the plural form.
  • Si yan zeng xiong xiu cai ru jun shi shi (3) "Yong bi chang chuan" 四言贈兄秀才入軍詩 (其三) "泳彼長川": Nächtliche Stille (Ji Kang 嵇康)
    Feierliche, nächtige Stille! Mein Balkon glänzt mondbeschienen. Leiser Wind bewegt den Vorhang, Hochgerafft sind die Gardinen. Edlen Weins stehn voll die Becher. Wem könnt' froh ich dar sie bringen? Neben mir liegt meine Laute, Doch für wen sollt' sie erklingen? Kostbar wie der Duft der Blumen Dünket mich ein Trautgeselle. Lange Seufzer muß ich senden Nach dem Freund, der nicht zur Stelle.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 15f.
  • Song bie 送別: Das Geleit (Su Shi 蘇軾)
    Die Frühlingsfluten erpelgrün In satter Farbe prangen. Am Wasser schon die Pfirsich' blüh'n, Des Lenzes holde Wangen. Den Gastfreund hab' ich schwacher Greis Am Ufer hingeführet. Sein schwarzer Hut vom Staub ist weiß, Den Hufe aufgerühret. Ich heb' den Kopf und frag' den Gast, Wann er wohl kehre wieder. Er sagt, "Sobald der Herbststurm rast Und Blätter wirbeln nieder". Er bind't an einen Weidenbaum Sein Roß, lacht mit dem Munde. Schräg fällt das Licht, man sieht noch kaum Den Berg im Hintergrunde.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 143.
  • Song mi shu zhao jian huan ri ben guo 送秘書晁監還日本國: Zur Rückkehr des Tschao Tchien nach Japan (Wang Wei 王維)
    Die riesigen Wassermassen Erscheinen unendlich schier. Des Ozeans Größe zu fassen Gen Ost, dünkt unmöglich mir. Solange in China wir weilen, Ist jede Entfernung klein. Du eilst viele tausend Meilen, Wie in das Leere hinein. Zurück zur Heimat kehrst du Und nach der Sonne nur schaust. Mit vollen Segeln fährst du Und nur dem Winde vertraust. Ein schwarzes Seeungeheuer Empor taucht aus der Flut. Fischaugen sprühen Feuer Die Wellen stehn in Glut. Jenseits von Fusang umhegen Die Bäume deinen Ort. Auf ödem Eiland gelegen Erhebt dein Haus sich dort. Du wirst nach der Trennung leben Im fernen Lande allein. Und willst du auch Nachricht geben, Wer könnte dein Bote sein?

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 32f.
  • Song xie xi shen xue shi bei shi 送謝希深學士北使: An einen Gesandten (Ouyang Xiu 歐陽修)
    Man hieß als Han Gesandten Nach Yu und Yen dich gehn, Den oft von Sturm durchrannten, Wo Nebelmassen wehn. Bald hast mit deinen Zeichen Du Berg und Fluß durcheilt, Bald hast in fernen Reichen Im Grenzzelt du geweilt. Dahin die Rosse flogen Beim Klange der Schalmei'n. Die schöngeschnitzten Bogen Spannt man im Mondenschein. Der eisigen Luft zu wehren, Senkt man den Fächer flink, Dem Gast es zu verehren, Löst man das Schwert vom Ring. Man trommelt, Hörner schmettern Auf Wällen in Wolkennäh'. Die Schaf' und Rinder klettern Am Berge, über'm Schnee. Um hochgeschweifte Dächer Heult laut des Nordwinds Wut; Der eisige Wein im Becher Treibt in die Wang' das Blut. Doch bald ist's Lenz, dann zeigen Die Felsen frisches Gras; Von grünen Ulmenzweigen Wird fast verdeckt der Paß. Erst muß gen Norden lenken Die Wildgans ihren Flug, Dann magst der Heimkehr denken Nach Süden du mit Fug.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 111f.
  • Song you ren "Qing shan heng bei guo" 送友人 “青山橫北郭”: Geleit (Li Bai 李白)
    Wo Berge grün die Stadt umziehn, Non Norden her umschließen, Und an der Oststadtmauer hin Die weißen Wasser fließen, Dort vor dem Tore ist der Ort Des Scheidens uns bereitet. Du schweifst in weite Ferne fort, Von nun an unbegleitet. Dein Sinn leicht wie die Wolke scheint, Da dir die Ferne winket, Dieweil daheim das Herz dem Freund, Gleichwie die Sonne sinket. Ein Händedruck noch, mein Genoß, Eh' wir trennen müssen! Mit lautem Wiehern scheint dein Roß Zum Abschied mich zu grüßen.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899.
    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 42f.
  • Su ye shi shan fang dai ding da bu zhi 宿業師山房待丁大不至: Erwartung (Meng Haoran 孟浩然)
    Im Westen kaum die Abendsonn' Am Berge niedergleitet, Als über alle Täler schon Die Dunkelheit sich breitet. Aus Tannen steigt der Mond empor. Kalt weht es aus den Rüstern, Und deutlich hört des Lauschers Ohr, Wie Wind und Quelle flüstern. Der Waldmann ließ die Arbeit ruhn, Ist heim schon aus dem Forste. Den ersten Schlaf die Vögel tun, Geschützt in ihrem Horste. Mein Freund versprach mir hier zu sein Zur Nacht; schon lang' ich harre Auf Grün umranktem Pfad, allein Mit dir, meine Guitarre.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 28.
  • Su zi qing shi si shou (2) 蘇子卿詩四首(其二): Abschied (Su Wu 蘇武)
    Seit ein Söckchen von meinem Haare Meinem Bräutgam gesteckt ward in's Haar Und Mann und Frau wir geworden, Nur Liebe stets zwischen uns war. In dieser Nacht, erst der ersten, Die kosend wir haben verbracht, Ward unserem reinen Glücke Ein jähes Ende gemacht. Es treibt meinen Mann als Krieger Der Drang in die Ferne hinaus, Auf springt er vom Lager und spähet, Wie weit schon die Nacht sei, aus. Verglommen sind alle Sterne. Da hält es ihn nimmermehr; Er eilt in den Kampf, nicht wissend, Ob je er wohl wiederkehr'. Er hält meine Hand zum Abschied, Das Auge von Thränen getrübt, "Gehab' dich wohl und vergiss nicht, Wie sehr wir uns haben geliebt." "Wenn ich am Leben bleibe, So kehre ich heim zu dir, Und sterbe ich, so bewahre Stets ein Gedenken mir."

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 9.
  • Sui wan xiang yu kui wen wei kui sui jiu shi xiang yao hu wei bie sui zhi chu ye da dan bu mian wei shou sui shu zhi feng su ru shi yu guan yu qi xia sui mu si gui er bu ke de gu wei ci san shi yi ji zi you (2) Bie sui 歲晚相與饋問為饋歲酒食相邀呼為別歲至除夜達旦不眠為守歲蜀之風俗如是余官於岐下歲暮思歸而不可得故為此三詩以寄子由(其二)別歲: Abschied vom Jahr (Su Shi 蘇軾)
    Wenn einen Freund vom andern In's Weite führt sein Pfad, So zaudern sie zu wandern, Sobald die Trennung naht. Den Freund, der von dannen gezogen, Führt heim vielleicht das Glück, Doch, wenn ein Jahr verflogen, Wer brächte es je zurück ? Ich wüßte gar zu gerne, Wohin wohl das Jahr entschwand. Ich glaube in weite Ferne, Bis an des Himmels Rand. Es mag wohl nach Osten fließen, Hinter den Wassern her, Und sich in das Meer ergießen, Von wo keine Wiederkehr. Sieh' da, mein Nachbar im Westen Zum Fest schon geglüht hat den Wein, Der Nachbar im Osten tät mästen Zum Schmause das fett'ste Schwein ! An diesem einen Tage Herrscht eitel Freude und Lust, Und jeder vergißt der Plage, Die das Jahr er hat dulden gemußt. Klag' nicht, daß vom alten Jahre Du scheiden sollst jetzund, Gar bald auch im neuen Jahre Naht wieder die Trennungsstund'. Vorüber ist vorüber ; Schau' nicht dem Vergangenen nach ! Ein Weilchen noch, mein Lieber, Dann bist du alt und schwach.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 129f.
  • Ti he lin si seng she 題鶴林寺僧舍: Am Berge (Li She 李涉)
    Wie von trunk'nem Traum umfangen Hör' ich, daß der Lenz vergangen, Schleppe auf den Berg mich hin. Mit des Bambushaines Priester Plaudr' ich; find' im Lebensdüster Einen halben Tag Gewinn.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 101.
  • Ti wang chu shi shan ju 題王處士山居: Der Einsiedler (Li Xianyong 李咸用)
    Im Wald, wo dichter Nebel steht Und kühl es ist im Sommer, Wohnt einsam ein Anachoret Schon Jahre lang, ein frommer. Für ihn gibt's keine Steuernot: Nicht viel ward ihm zum Erbe. Zumeist auf einem Angler-Boot Betreibt er sein Gewerbe. Es mag zurück der Geist von Schuh Den Glanz des Frühlings bringen, Der Reiher, wenn schon Abendruh, Sich durch den Nebel schwingen. Nicht ficht's ihn an, wenn rings im Land Man hört die Waffen klirren. Ein Engel ist er, der verbannt, Und nichts kann ihn verwirren.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 101f.
  • Ti zhi jin xuan ji tu (2) "Xi cao lu ru lang xing bao" 題織錦璇璣圖(其二)"晞草露如郎行薄": Die Verlassene, IV "Sie zog ihre seidenen Brauen zusamm'" (Kong Pingzhong 孔平仲)
    Sie zog ihre seidenen Brauen zusamm', Als sie der Schwalben Gezwitscher vernahm. Es perlten die Tränen, umflort war ihr Blick, Denn sie sah, daß die Wildgans kehrte zurück. Ein Weib von den Stürmen der Liebe umbraust, Ist eine Blume vom Winde zerzaust. Der Mann, gefühl- und herzlos, gleicht Dem Tau, der vor der Sonne entweicht.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 147.
  • Ti zhi jin xuan ji tu (4) "Chang duan xie chou ying zi zi" 題織錦璇璣圖(其四)"腸斷寫愁縈字字": Die Verlassene, III "Es wogt und wirbelt der eisige Wind" (Kong Pingzhong 孔平仲)
    Es wogt und wirbelt der eisige Wind, Die gelben Blätter bereift schon sind. Die Lampe erlosch, und der Mond scheint fahl ; Auf das leere Bett trifft sein bleicher Strahl. Voll Sehnsucht sie aus nach dem Gatten blickt Und hat ihm ein Verslein in Seide gestickt. Und jedes Zeichen erzählt von dem Schmerz, Von dem zerrissen ihr armes Herz.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 147.
  • Ting yun shi (4) "Pian pian fei niao" 停雲詩 (其四) "翩翩飛鳥": Der ferne Freund (Tao Yuanming 陶淵明)
    Schwirrend fliegen auf die Zweige Vor dem Haus die Vögel nieder, Ruhn mit eingezog'nen Schwingen, Singen ihre lust'gen Lieder. Habe ich nicht einen Freund auch? An ihn denk' ich immer wieder. Ungestillt bleibt meine Sehnsucht, Und der Kummer drückt mich nieder.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 19.
  • Wan guo shui bei 晚過水北: Abend am Wasser (Ouyang Xiu 歐陽修)
    Eis und Schnee in seinen Fluten wälzend, Rollt der Strom vorbei. Der erstarrte Bach, allmählich schmelzend, Fließet wieder frei. In sein Heim zurück kehrt jeder wieder Wohl beim Abendrot, Und des Strandes Vögel fliegen nieder Auf des Anglers Boot.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 110f.
  • Wang bo yang suo cang zhao chang hua si shou (3) "Fu rong" 王伯揚所藏趙昌花四首(其三)"芙蓉": Gemalte Seerosen (Su Shi 蘇軾)
    Ein reiner, frischer Herbstwind weht Und braust im Walde drinnen. Das Wasser tief in Lachen steht, Die nach und nach verrinnen. Vom Ufer in den See hinein Die Wasserrosen sprießen, Die Blumen, die die Fluten rein Mit ihrem Glanz umfließen. Vom Ruhsitz schau' ich auf den See: Die Lotos sind verglühet, Und nur die Astern ich noch seh' Bereift und halb verblühet. Es ist, als ob bescheid'ner Art Zu lächeln sie sich mühten, Indes das Schicksal naht und hart Zerzaust und knickt die Blüten. Wie arme Mädchen stehn sie da, Von kaltem Hauch umschauert. Sie fürchten, wenn die Hochzeit nah, Daß längst ihr Lenz vertrauert. Wer ist es, dessen Pinselstreich Dies Bild der Jugend malte? "Holzhauer" nennt er selber sich Und von Tch'ien-nan der Alte.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 136-137.
  • Wang chuan ji (17): Zhu li guan 輞川集(其十七):竹裏館: Im Bambushain (Wang Wei 王維)
    Im stillen Bambusdickicht, Da sitz' ich ganz allein Und spiele meine Zither, Misch' manchen Seufzer drein. Weil' ich im dichten Haine, So sieht die Welt mich nicht. Da naht der Mond im Glanze, Und mich bescheint sein Licht.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 29f.
  • Wang chuan ji (5): Lu chai 輞川集(其五):鹿柴: Im Walde (Wang Wei 王維)
    Auf dem öden Berg' Keine Menschenseel', Aber eine Stimm' Hört man klar und hell. In den dunklen Wald Schlüpft ein Schatten bloß. Jetzt erscheint er klar Auf dem grünen Moos.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 30.
  • Wei chuan tian jia 渭川田家: Abend im Dorf (Wang Wei 王維)
    Dieweil im Abendsonnenschein Des Dorfes Hütten glühen, So kehren durch die Gäßchen heim Die Schafe samt den Kühen. Schon harr'n die alten Leut' im Dorf, Auf ihren Stab sich stützend, Und schauen nach den Burschen aus, Vor ihren Türen sitzend. Im Weizenfeld schreit der Fasan ; Die Ähren bald sich neigen. Die Seidenraupen schlafen; kahl Ist's an den Maulbeerzweigen. Die Hacke auf der Schulter, stehn Die Bauern da und plaudern, Und, eh' sie auseinandergehn, Noch kurze Zeit sie zaudern. O, wie mir hier so wohl gefällt Die Ruhe und der Friede! Und wie es oft so schlecht bestellt, Beklage ich im Liede.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 29.
  • Wen liu shi jiu 問劉十九: Winterabend (Bai Juyi 白居易)
    Grüner Wein, gegoren schon, Wartet deiner heuer. Ofen ist aus rotem Ton, Und es brennt das Feuer. Schon der Abend bricht herein, Und es scheint, als wollt' es schnein. Trinkst du nicht? 'S ist neuer.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 93.
  • Wu chu ge 吴楚歌: Durch die Luft (Fu Xuan 傅玄)
    Wie sind in Yen die Frauen, Die Mädchen von Tschau so schön. Doch ach! so fern, und es schauen Dräuend die Bergeshöh'n. Die Wolken seien mein Wagen, Und meine Pferde der Wind! – Edle Steine die Berge nur tragen; Nur im Erdreich die Pflanze grünt. Die Wolken fliessen und wanken, Der Wind hält plötzlich an. Mein Herz ist voll Sehnsuchtsgedanken, Die niemand bannen kann.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 26f.
  • Wu qi qu 烏棲曲: Auf dem Kusu-Palast geht ein Rabe zur Ruh (Li Bai 李白)
    in: Kürschner, Josef. China. Schilderungen aus Leben und Geschichte, Krieg und Sieg. Ein Denkmal den Streitern und der Weltpolitik. Leipzig: Verlag von Hermann Zieger, 1901.
  • Wu qi qu 烏棲曲: Der König von Wu (Li Bai 李白)
    Auf dem Kusu Palast geht ein Rabe zur Ruh', In dem Schloß mit Hai-schi schwelgt der König von Wu. Schaut den Tanzenden zu und den Sängern er lauscht; Die Königin ist schon vom Weine berauscht. Halb verschlingt bald der bläuliche Berg die Sonn', Der König noch schwelget in Freude und Wonn'. Aus goldener Uhr mit silbernem Pfeil Das Wasser rinnet und rinnet die Weil. Wohlan! seht den herbstlichen Mond, den hell'n, Auch er versinkt in des Stromes Well'n. Im Osten schon kehret die Sonne zurück. Und was bleibt dem König von alle dem Glück?

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899.
    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 54.
  • Wu ye ti "Huang yun cheng bian wu yu qi" 烏夜啼“黃雲城邊烏欲棲”: Der Rabe (Li Bai 李白)
    Wo am Ende der Stadt sich der Staub erhebt, Zu gelben Wolken geballet, Heimkehrend zum Horste ein Rabe schwebt: "Kra, kra" von den Zweigen es schallet. Am Webstuhl webt ein Brokatgewand Dort eine Tch'in-tchuan Schöne; Ein grüner Flor vor das Fenster gespannt, Wie ein Nebel dämpfet die Töne. Sie hält's Schifflein an bei des Raben Schrei'n, Denkt des fernen Gemahls mit Sehnen; Im öden Zimmer ruht nachts sie allein Und weint die bittersten Tränen.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899.
    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 55.
  • Xi da yuan zhen 戯答元珍: An einen fernen Freund (Ouyang Xiu 歐陽修)
    Bis zum fernen Horizonte Wird der Lenzwind kaum gelangen, Und die Bergstadt kann im zweiten Mond noch nicht in Blüten prangen. Letzter Schnee ruht auf den Zweigen, Die noch voll von Apfelsinen. Kalter Donner schreckt die Sprossen, Welche gern schon möchten grünen. Hörst des Nachts den Schrei der Wildgans; Heimwärts die Gedanken lenkst du. Auch im neuen Jahre schmerzvoll Nur der schönen Welt gedenkst du. Einstmals weiltest unter Blüten Du als Gast in Loyang's Mauern; Wenn's bei dir auch spät erst duftet, Solltest du darum nicht trauern.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 111.
  • Xi er xi zuo 洗兒戲作: Zur Taufe (Su Shi 蘇軾)
    Der Vater hofft, daß klug einst sei Der Sohn, der ihm geboren. Auch ich war klug und hab' dabei Mein Lebensglück verloren. Dem Söhnlein wünsch' Einfältigkeit Ich drum vor allen Dingen. Mög' er es ohne Schwierigkeit Bis zum Minister bringen.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 142.
  • Xi er xi zuo 洗兒戲作: Der Vater hofft, daß klug einst sei (Su Shi 蘇軾)
    Der Vater hofft, daß klug einst sei Der Sohn, der ihm geboren. Auch ich war klug und hab' dabei Mein Lebensglück verloren. Dem Söhnlein wünsch' Einfältigkeit Ich drum vor allen Dingen. Mög' er es ohne Schwierigkeit Bis zum Minister bringen.

    in: Oehlke, Waldemar (ed.). Seele Ostasiens. Chinesisch-japanischer Zitatenschatz. Berlin: F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung, 1941. p. 154f.
  • Xi si jun 昔思君: Einst und jetzt (Fu Xuan 傅玄)
    Einst haben wir beid' Wie Körper und Schatten uns innig geliebt. Jetzt sind wir entzweit, Wie die Wolke zerreist und der Regen zerstiebt. Einst haben wir beid' Wie harmonische Töne geklungen zusamm'. Jetzt sind wir entzweit, Wie die welken Blätter abfallen vom Stamm. Einst haben wir beid' Wie Gold geleuchtet und edles Gestein. Jetzt sind wir entzweit, Wie der Stern ohne Glanz und das Licht ohne Schein.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 26.
  • Xi yu "Nan guo han wu yu" 喜雨“南國旱無雨”: Ersehnter Regen (Du Fu 杜甫)
    Im Süden herrschte Dürre, Kein Regen wollte fall'n. Heut' morgen aus dem Flusse Empor die Nebel wall'n. Sie dehnen sich und füllen Den ganzen Luftraum an, Und Tropfen fällt auf Tropfen Herab der Regen dann. Den hohen Flug vom Nest Stell'n ein die Schwalben ganz; Die Waldesblumen leuchten In frischem, feuchtem Glanz. Der Abend naht, und immer Noch strömt der Regen sacht. Man hört sein sanftes Rauschen Bis in die tiefe Nacht.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 75f.
  • Xi yu "Nan guo han wu yu" 喜雨“南國旱無雨”: Im Süden herrschte Dürre (Du Fu 杜甫)
    Im Süden herrschte Dürre, Kein Regen wollte fall'n. Heut morgen aus dem Flusse Empor die Nebel wall'n. Sie dehnen sich und füllen Den ganzen Luftraum an, Und Tropfen fällt auf Tropfen Herab der Regen dann. Den hohen Flug vom Neste Stell'n ein die Schwalben ganz; Die Waldesblumen leuchten In frischem, feuchtem Glanz. Der Abend naht, und immer Noch strömt der Regen sacht. Man hört ein sanftes Rauschen Bis in die tiefe Nacht.

    in: Oehlke, Waldemar (ed.). Seele Ostasiens. Chinesisch-japanischer Zitatenschatz. Berlin: F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung, 1941. p. 96.
  • Xi zhai 西齋: Das Westzimmer (Su Shi 蘇軾)
    Nach Westen liegt mein Zimmer, Tief ist's, doch gut erhellt. Es ist in diesem Raume, Mein Ruhbett aufgestellt. Auf diesem Bett ein Kranker, Ich spät noch morgens lag, Und merkte, auf mich richtend, Wie lang bereits der Tag. Der Kopf war mir benommen, Doch war's nicht Trunkenheit, Auch ward ich nicht zum Narren In meiner Einsamkeit. Ich hob das Kleid, trat schweigend Ein in den Bambushain, Der sich im Winde regte, Und sog die Kühlung ein. Ich wandelte im Westen Dann durch den Garten auch. Den Pflanzen und den Bäumen Entströmte duft'ger Hauch. Schon sah man am Granatbaum Das erste Zweiglein blühn, Maulbeeren und Jujuben Prangten im frischen Grün. Es girrt die wilde Taube; Sie flieht der Sonne Glanz, Versteckt im kühlen Schatten, Vergißt das Fliegen ganz. Und seinen Ruf erschallen Läßt lustig der Pirol. Aus seiner Kehle quellen Die Töne rund und voll. Ich schau' der Dinge Wandel, Auf meinen Stab gebeugt, Betrachte dann mein Leben, Das mich so anders deucht. Die tausend Dinge haben All' ihre feste Zeit, Und nur in meinem Leben Herrscht Rast und Unstätheit.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 132.
  • Xi zuo yan shi 戲作豔詩: Verschmäht (Xiao Yi 蕭繹)
    Eben trat sie in die Halle, Als die zweite Gattin nahte; Aus dem Hause eilend traf sie An der Thür der früh're Gatte. Sie verstummte; keine Silbe Ueber ihre Lippen bringend; Fest die schlanken Hände pressend, Stand sie da, nach Fassung ringend. Hastig regte sie den Fächer, Welcher glich dem Mond, dem vollen, Wollte ihre Thränen bergen, Die hervor gleich Perlen quollen. Ach! es währt ihr jetz'ges Leiden Immerdar und will nicht schwinden, Und es kann die alte Liebe Nimmermehr ein Ende finden!

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 62f.
    in: Oehlke, Waldemar. Chinesische Lyrik und Sprichwörter. Bremen-Horn: Walter Dorn-Verlag, 1952. p. 52.
  • Xia ke xing 俠客行: Der fahrende Ritter (Li Bai 李白)
    Ein Barett mit strupp'gem Busche Zwar der Tschao Held nur besitzet; Doch wie Reif und Schnee so leuchtend Sein gekrümmtes Wu Schwert blitzet. Mit dem Sattel silberstrotzend Sattelt er den prächt'gen Schimmel; Fliegt dahin mit Blitzesschnelle Wie die Sternschnuppe am Himmel. Zehn Schritt vorwärts, und schon hat er Tötlich einen Mann getroffen. Darum steht auf tausend Meilen Jeder Weg ihm frei und offen. Vom Gewand den Staub er schüttelt Nach dem Kampf, um zu verschwinden. Seine Spur, ja selbst sein Name, Ist so leicht nicht aufzufinden. Mit Hsin-ling in Mußestunden Er ein Glas zu leeren pfleget. Vorn quer über seine Kniee Er dabei den Degen leget. Öfter mit Tschu-hai zusammen Läßt er nieder sich zum Mahle, Oder trinkt dem Freunde Hou-ying Zu aus seinem Weinpokale. Hat drei Gläser er getrunken Auf's gegebene Versprechen, Würd er eher die fünf heil'gen Berge stürzen, als es brechen. Wenn's ihm flimmert vor den Augen Und die Wangen glühn vom Weine, Wird der Ausfluß seines kühnen Geist's zu einem Glorienscheine. Ein Schlag seines Eisenhammers - Und der Tschao Staat Rettung findet. Lange währt es, eh' in Han-tan Schreck und Staunen man verwindet. Zwei der Helden dieses Schlages Sind es, die nach tausend Jahren Noch den Ruhm glorreicher Taten In der Stadt Ta-liang bewahren. Weihrauch bringt man den Gebeinen, Ob sie gleich längst sind begraben, Vor den Großen dieser Tage Sie sich nicht zu schämen haben. Möchte niemand doch vertrauern In der Bücherei sein Leben Und sich nicht mit weißen Haaren Noch dem T'ai-hsüan-tching ergeben.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899.
    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 39f.
  • Xia shan ge 下山歌: Abstieg vom Berge (Song Zhiwen 宋之問)
    Vom Sung Berg steig’ ich nieder in die Flur, Gar manches denk’ ich. Ich führ’ ein schönes Kind und zögernd nur Die Schritte lenk’ ich. Der Mond, der durch die Tannen scheint, bewahrt Dies Leuchten immer. Wann werd’ lustwandeln ich in gleicher Art Bei seinem Schimmer?

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 24.
  • Xiao er 小兒: Das Söhnlein (Su Shi 蘇軾)
    Da ist mein kleines Söhnlein, Es kennt noch nicht das Leid. Wo ich auch geh' und stehe, Es hängt an meinem Kleid. Fürwahr, es wird mir lästig, Möcht' schelten es darum, Da spricht die alte Mutter: "Dein Söhnlein ist noch dumm". "Doch ist auch dumm dein Söhnlein, Du bist es noch viel mehr. Weshalb bist du nicht fröhlich, Und brummst und murrst so sehr?" Ich setze drauf mich nieder, Beschämt durch dieses Wort; Und vor mir fährt die Mutter Beim Tassenspülen fort. Wie sie die Frau des Liu Ling An Güte überwog, Die ihrem Mann engherzig Das Geld für Wein entzog!

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 131.
    in: Oehlke, Waldemar. Chinesische Lyrik und Sprichwörter. Bremen-Horn: Walter Dorn-Verlag, 1952. p. 85f.
  • Xiao xing ba xia 曉行巴峽: Die Pa-Schlucht (Wang Wei 王維)
    Durch der Pa-Schlucht Felsenmauern Tret' ich ein im Morgenschimmer. Lenz ist aus. Ich denk' noch immer An die Kaiserstadt mit Trauern. An dem silberhellen Flusse Wäscht ein Mägdlein ganz alleine. Alle Vöglein im Vereine Schmettern laut zum Morgengruße. Auf dem Wasser Menschen wohnen, Die im Schiff zum Markte streben. Zwischen Bergen sich erheben Brücken in der Bäume Kronen. Auf die Höh'n bin ich gestiegen, Sah der Flüsse Lauf im Grunde, Und, ausspähend in der Runde, Sah ich die Gehöfte liegen. Einer andern Sprache Worte Fremd mir in den Ohren klingen. Nur die gelben Amseln singen Wie daheim an diesem Orte. Lindrung hoff' ich von den Flüssen, Von den Bergen, meinem Herzen, Und daß seine Trennungsschmerzen Ihrer Schönheit weichen müssen.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 31.
  • Xiao zhi 小至: Wintersonnenwende (Du Fu 杜甫)
    Jahreszeiten, Menschenschicksal, Alles drängt und eilt und schafft. Mit der Wintersonnenwende Wächst des jungen Frühlings Kraft. Bunte Seidenstickereien Um ein Fädchen man vermehrt, Und man haucht auf die sechs Röhren, Daß empor die Asche fährt. An dem Ufer woll'n die Weiden Grünen schon zur Winterzeit. Berggeist möcht' die Kälte brechen, Pflaum'baum ist zum Blüh'n bereit. Wolkendunst sind alle Dinge, Wesensgleich in jedem Land. Fülle mir den Becher, Knabe! Den ich halte in der Hand.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 64.
  • Xie ji le you zhang shan ren yuan 攜妓樂遊張山人園: Im Garten des Einsiedlers (Su Shi 蘇軾)
    Goldgelb im Aprikosenbaum Erglüht's, die Ähren schwer sich neigen. Die jungen Elstern, flügge kaum, Sich halten an den Bambuszweigen. Dem stillen Manne recht zur Qual, Woll'n heiter wir der Weltlust frönen. Wir reiten über Berg und Tal Auf schmuckem Roß mit unsern Schönen. Der T'i-hu ruft "bringt Wein herbei", Um immer wieder einzuschenken, Bis daß des Ziegenmelkers Schrei Uns mahnt, der Heimkehr zu gedenken. Das Fest ist aus; der Gäste Zahl Hat aus dem Tore sich ergossen. Still wird's, vom letzten Sonnenstrahl Der Bäume Wipfel sind umflossen.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 134-135.
  • Xie qing er shou (1) "Qiang wai shei jia tao li kai" 寫情二首(其一)"墻外誰家桃李開": Unter Blüten (Zhang Lei 張耒)
    Wer wohnt jenseits wohl der Mauer, Dessen Birn' und Pfirsich blühen? Warum, wo die Blumen glühen, Geht er auf und ab in Trauer? Leichten Flaum heißt er sich schwingen, Daß er fort die Sorgen führet. Weiße Fäden er erküret, Blüh'nden Frühling ihm zu bringen.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 155.
  • Xing xing you qie lie pian 行行遊且獵篇: Der Jäger (Li Bai 李白)
    Nie hält der Grenzstadt Sprosse Im Leben ein Buch in der Hand; Doch auf der Jagd zu Rosse, Da ist er flink und gewandt. Dem Roß kommt der Herbst zu statten, Es nährt sich vom Gras der Prärien. Wenn sein Huf im Galopp stampft den Schatten, Wie reitet er stolz dahin! Mit güld'ner Peitsche streift er Den Schnee; es knappt die Schnur. Halb trunken dem Falken pfeift er Und führt ihn auf die Flur. Umsonst nicht den Bogen er schießet, Den mondrund gekrümmten, ab: Auf einen Pfeil gespießet Zwei Kraniche sinken herab. Wenn Leute am Meeresstrande Ihn sehen, geben sie Raum. Sein Ruhm durcheilt alle Lande, Bis an der Gobi Saum. Nie kommen die Doktoren Dem kühnen Jäger gleich. Weshalb sich in Bücher verbohren, Wenn schon das Haar wird bleich!

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 40f.
  • Xu piao piao "Xu piao piao, hua fei bu dao di" 虛飄飄 "虛飄飄,花飛不到地": Ein Hauch, der verweht, II (Huang Tingjian 黃庭堅)
    Ein Hauch, der verweht, Ist die Blüte, die fliegt und nicht den Boden erreicht, Ist der Regenbogen, der einer Brücke gleicht, Der Wolkenberg in tausend Stufen, geschaut im Traum, Altweibersommer, der tausendfädig durchfliegt den Raum, Auf grünem Meer der Luftschlösser stolzer Bau, Der Wildgansflug gezeichnet im Himmelsblau – Ein Hauch, der verweht, Und aus festerem Stoff doch als manches Menschenleben besteht.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 141.
  • Xu piao piao san shou (1) "Xu piao piao, hua yan zhu jie wang" 虚飘飘三首(其一)"虛飄飄,畫檐蛛結網": Ein Hauch, der verweht, I (Su Shi 蘇軾)
    Ein Hauch, der verweht, Ist das Spinngewebe am buntgetäfelten Dom, Ist die Elsternbrücke am silbernen Himmelsstrom, Der Regentropfen, der spült von den Blättern den Staub, Der Reif, vom Winde geweht auf das Weidenlaub, Gefrorener Tau, der im Morgenrote zerfällt, Verbleichender Sternenglanz am dunklen Himmelszelt, – Ein Hauch, der verweht, Und aus festerem Stoff doch als flüchtiger Ruhm und Gewinn besteht.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 141.
  • Xu piao piao san shou (2) "Xu piao piao, hua fei bu dao di" 虛飄飄三首(其二)"虛飄飄,花飛不到地": Ein Hauch, der verweht, II (Su Shi 蘇軾)
    Ein Hauch, der verweht, Ist die Blüte, die fliegt und nicht den Boden erreicht, Ist der Regenbogen, der einer Brücke gleicht, Der Wolkenberg in tausend Stufen, geschaut im Traum, Altweibersommer, der tausendfädig durchfliegt den Raum, Auf grünem Meer der Luftschlösser stolzer Bau, Der Wildgansflug gezeichnet im Himmelsblau - Ein Hauch, der verweht, Und aus festerem Stoff doch als manches Menschenleben besteht.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 141.
  • Xu piao piao san shou (3) "Xu piao piao, feng han chui xu lang" 虛飄飄三首(其三)"虛飄飄,風寒吹絮浪": Ein Hauch, der verweht, III (Su Shi 蘇軾)
    Ein Hauch, der verweht, Ist der kalte Wind, der die schäumenden Wogen drängt, Ist die Frühlingsflut, die des Eises Brücke sprengt, Die Tropfen, die wie Fäden herniederwall'n, Die Blätter, welche raschelnd vom Baume fall'n, Ein Bläschen, das vom Strome entführt, versprüht, Ein Wölkchen rot, das im Sturm am Himmel zieht, Ein Hauch, der verweht, Und aus festerem Stoff doch als Reichtum und Ehre besteht.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 141.
  • Yan cheng dong zhuang "Yi nian shi you yi nian chun" 宴城東莊 ”一年始有一年春“: Trinklied (Cui Mintong 崔敏童)
    Jedes Jahr pflegt uns auf's Neu' Einen neuen Lenz zu geben. Doch, wenn hundert Jahr vorbei, Sind wir all' nicht mehr am Leben. Wievielmal im Blütenhain Kannst dem Trunke du noch huldigen? Zahle tausende für Wein: Armut kann dich nicht entschuldigen.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 102.
  • Yan cheng dong zhuang "Yi yue zhu ren xiao ji hui" 宴城東莊 ”一月主人笑幾回“: Ein Gleiches (Cui Huitong 崔惠童)
    Während eines Monats Frist Lächelst du nur wenig Male. Wenn der Zeitpunkt günstig ist, Schlürfe aus der vollen Schale. Denn du siehst die Frühlingspracht Wie das Wasser schnell zerflossen Und die Blume über Nacht Welk, die gestern sich erschlossen.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 102.
  • Yan ge xing er shou (1) "Qiu feng xiao se tian qi liang" 燕歌行二首 (其一) "秋風蕭瑟天氣涼": Herbst (Cao Pi 曹丕)
    Der Herbstwind seufzt und stöhnet, Die Luft weht kalt und rauh, Es fallen Blätter und Zweige, Zu Reif erstarrt der Tau. Die Schwalbenzüge scheiden, Wildgänse ziehn gen Süd. Ich denke, wie einsam du wanderst, Und Schmerz erfüllt mein Gemüt. Betrübt wohl sinnst du auf Rückkehr; Dich zieht's zu der Heimat fort. Warum, mein Herr, denn zauderst Du noch an fremdem Ort? Verlassen ist deine Gattin, Und ihre Kammer leer. Sie denkt ihres Herrn mit Schmerzen, Vergißt ihn nimmermehr. Bis auf mein Kleid hernieder Ergießt sich mein Tränenquell. Ich greif' in die Saiten der Zither Und lasse sie tönen hell. Doch kurz nur ist mein Liedchen: Viel singen kann ich nicht. Mein ödes Bett bestrahlet Des Mondes weißes Licht. Die Sterne im Westen versinken, Noch ist nicht die Nacht zu End'. Der "Hirt" zu dem "Webermädchen" Aus weiter Ferne entbrennt. Was habt ihr nur verbrochen, Daß ihr vom Strom getrennt?

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 14f.
  • Yan ge xing er shou (1) "Qiu feng xiao se tian qi liang" 燕歌行二首 (其一) "秋風蕭瑟天氣涼": No title ("Verlassen ist deine Gattin") (Cao Pi 曹丕)
    Verlassen ist deine Gattin, Und ihre Kammer leer. Sie denkt ihres Herrn mit Schmerzen, Vergißt ihn nimmermehr. Bis auf mein Kleid hernieder Ergießt sich mein Tränenquell. Ich greif' in die Saiten der Zither Und lasse sie tönen hell. Doch kurz nur ist mein Liedchen: Viel singen kann ich nicht, Mein ödes Bett bestrahlet Des Mondes weißes Licht. Die Sterne im Westen versinken, Noch ist nicht die Nacht zu End'. Der "Hirt" zu dem "Webermädchen" Aus weiter Ferne entbrennt. Was habt ihr nur verbrochen, Daß ihr vom Strom getrennt?

    in: Fink-Henseler, Roland W. (ed.). Brevier fernöstlicher Weisheit. Sprichwörter, Aphorismen und Gedichte aus Japan und China. Bayreuth: Gondrom Verlag, 1984. p. 93f.
    The first 6 verses of the poem are not included in the translation.
  • Ye ge 夜歌: Nachtlied (Han Yu 韓愈)
    Stille ist die Nacht, Rein des Mondes Schein. In dem leeren Raum Ruhe ich allein. Und ich denke nach, Daß ich frei von Pein, Daß die Wünsche mir All' erfüllet sei'n. Welcher Kummer dringt In die Freude ein? Dies nur schmerzt mich, daß Meine Kraft zu klein.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 87.
  • Ye gui 夜歸: Späte Heimkehr (Du Fu 杜甫)
    Ich kehre heim tief in der Nacht; Der Tiger schleicht auf Beute; Der Berg ist dunkel, niemand wacht: Es schlafen meine Leute. Den Großen Bären schon ich seh' Herab zum Flusse sinken, Derweil noch hell in Himmelshöh' Die großen Sterne blinken. Aus meinem Haus bei Kerzenschein Laß ich zwei Leuchter bringen, Hör' eines Affen kläglich Schrein Aus einer Bergschlucht dringen. Ein Greis, ich mich noch freuen kann, Kann tanzen noch und singen. Wenn ich nicht schlaf', ein alter Mann, Wem wird es da gelingen?

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 63f.
  • Ye ting ji shi 夜聽妓詩: Tanz und Gesang (Xiao Gang 蕭綱)
    Allen Groll und Zorn verscheuchen Leicht des Freudenbaumes Blätter; Vor der Tageslilie Stengel Müssen alle Schmerzen weichen. Doch was giebt es an Genüssen Schön'res als die helle Mondnacht, Wenn die frisch bewegten Lüfte Leicht der Tänz'rin Leib umfliessen! Oder, wenn beim Flötenblasen Sie die rothen Lippen reget, Und die Spangen ihrer Arme Wild beim Saitenspiele rasen! Ja, es ist dem Gast betrüblich, Dass das Lied schon geht zu Ende. Voll bewusst sich ihrer Schönheit Eilt umher sie hold und lieblich.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 59f.
  • Ye xing guan xing 夜行觀星: Der Sternenhimmel (Su Shi 蘇軾)
    Droben glänzt des Himmels Pracht, Eisig weht der Hauch der Nacht. Mondstationen gruppenweis Schließen sich zum festen Kreis. Und der großen Sterne Strahl Blitzet wie des Pfeiles Stahl. Auch die kleinen sind erregt, Und sie kochen wild bewegt. Himmlisches und Menschensein Haben nichts zusamm' gemein. Ach! wir können nicht verstehn, Was am Himmel mag geschehn. Zwar die Menschheit prompt verfährt, Alles mit Gewalt erklärt, Und für jede Einzelheit Hat den Namen sie bereit. Südwärts ist das "Sieb" zu sehn, Nördlich muß der "Scheffel" stehn. Hausgeräte beide sind, Deren sich der Mensch bedient. Wie? hat denn der Himmel auch Diese Dinge im Gebrauch ? Schwerlich kennt er sie, und doch Bleibt der Name dafür noch. Könnte man ganz nah' sie schaun, Würd' man sie erkennen, traun. Ihre Form nur ungefähr Scheint aus weiter Ferne her. Unklar und verschwommen nur Ist für mich der Sterne Spur. Seufzend muß ich eingestehn, Wie gering all' mein Verstehn.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 130-131.
  • Ying wu 鸚鵡: Der Papagei (Du Fu 杜甫)
    In traurigen Gedanken Sitzt da der Papagei. Er ist ein kluger Vogel Und fühlt, daß er nicht frei. Das grünlich blaue Röckchen Ihm arg beschnitten ward, Sein rosenroter Schnabel Viel Weisheit offenbart. Wird je die Tür des Bauers Für ihn geöffnet sein? Er harrt umsonst und hacket In seinen Zweig hinein. Die Menschen ihn bedauern Und fügen zu ihm Leid. Was nützt ihm da sein selt'nes Und prächt'ges Federkleid!

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 76f.
  • Yong bai ou jian chao bie zhe shi 詠白鷗兼嘲別者詩: Die Möwen (He Xun 何遜)
    Einst sah zwei weisse Möwen Vereint im Flug man ziehn Vom Morgen bis zum Abend Ueber die Wogen hin. Sie rasteten zusammen Stets nur an gleichem Ort; Wohin das Männchen auch eilte, Das Weibchen folgte sofort. Doch ach! einst kam alleine Vom Ufer das Männchen her, Das Weibchen liess einsam sich nieder Auf grünem Fels im Meer. Die eine flog nach Osten, Nach Westen die andere bog, Niemehr der Ruf der einen Herbei die andere zog.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 70.
  • Yong luo mei shi 詠落梅詩: Begegnung (Xie Tiao 謝朓)
    Als die Bäume sich umhüllten Neu mit frischem Laub, Und die Lüfte süss erfüllten Wölkchen Blüthenstaub, Bei dem Parkfest Nan-wei selig Den Geliebten fand; Wieder lächelte sie fröhlich, Als sie bei ihm stand. Und es brach ihr eine Blüthe Seine zarte Hand; Nan-wei dankte seiner Güte, Nahm das duft'ge Pfand, Steckte es in das gewellte, Uepp'ge Haar sich ein: Zu des Kopfschmucks Blau gesellte Sich sein ros'ger Schein. Ach verwelkt schon sank die Blüthe, Eh' der Tag entwich! Des Geliebten Treu' und Güte Jener Blüthe glich.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 51.
  • Yong mei ren kan hua shi 詠美人看畫詩: Bild und Wirklichkeit (Xiao Gang 蕭綱)
    Gemalt hat im Palaste Man einer Nymphe Bild; Es schreitet aus dem Schlosse Ein Mägdlein hold und mild. Ach, dass sie alle beide Sind wie ein Bild so schön! Hier echt und falsch zu scheiden, Wer möchte das versteh'n? Wie sind zart abgerundet Die Augen und die Brau'n! Und wie sind ihre Taillen Gleich zart und schlank zu schaun! Es findet zwischen beiden Ein Unterschied nur statt: Das ist das warme Leben, Das nur die eine hat.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 60f.
    in: Oehlke, Waldemar. Chinesische Lyrik und Sprichwörter. Bremen-Horn: Walter Dorn-Verlag, 1952. p. 50.
  • Yong shuang yan er shou (1) "Shuang yan xi yun ya" 詠雙燕詩二首 (其一) "雙燕戲雲崖": Die beiden Schwalben (Bao Zhao 鮑照)
    Vom Wolkenberg flogen zwei Schwalben, Sich haschend bald hier, bald dort, In das Frauengemach im Süden, Durch die hohe Halle im Nord. In meines Geliebten Kammer Ein Nest sie möchten erbau'n, Doch leider unter der Decke Ein Balken ist nicht zu erschau'n. Sie klagen laut, dass zu Ende Der blühn'de Lenz schon sich neigt, Und dass, derweil sie so flattern, Die Frühlingspracht schon entweicht. So ziehen sie traurig zwitschernd Von dem einst Geliebten fort; Lehmstückchen im Schnabel, suchen Einen Freund sie am ander'n Ort.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 44f.
  • Yong wu ji shi 詠舞妓詩: Die Sängerin (He Xun 何遜)
    Hell tönt Flötenklang, für Gäste Sind die Polster schon gelegt. Leicht hebt sie die schneeigen Arme, Während sie die Zither schlägt. Und sie singt, derweil die Saiten Ihre zarte Hand durchrauscht, Sie bewegt die dunklen Brauen, Während sie den Tönen lauscht. Wie im Traum versunken blickt sie; Ihrem Ohr ein Ring entfiel; Ihrer Augen Glanz verkündet, Was ihr Mund nicht sagen will. Abend wird es, und es bleibet Nur ein lieber Gast zurück; Mit den Blicken sich umfangend Schwelgen sie im Augenblick.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 69f.
  • Yong wu nü shi 詠舞女詩: Die Tänzerin (Jiang Hong 江洪)
    Um den zarten Leib beneidet Sie in Tschu die schönste Frau. Solchen leicht graziösen Körper Hat kein Weib im Staate Tschau. Die Bordüre der Mantille Blitzt von manchem Edelstein, Um den Arm an Seidenschnüren Hängen dichte Perlenreih'n. Schon hebt sie die weiten Aermel, Setzet sich in Positur, Regt den Fuss, hält an, als schäme Sie sich ihrer Reize nur. Seitwärts flüchten ihre Blicke, Als ob grad' sie schauten nie, Statt im Kreise sich zu drehen, Scheint's als schwank' und zaudre sie. Banne jede Furcht, du Holde: Wie ein Phönix scheinst du mir! Auf, erheb' dich gleich dem Kranich Und entschweb' im Luftrevier!

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 73f.
  • You cheng nan shi liu shou (3): Wan chun 遊城南十六首 (其三): 晚春: Spätfrühling I (Han Yu 韓愈)
    Die Bäume und Pflanzen bangen, Daß verweht bald die Frühlingsluft. In Rot und Purpur sie prangen, Wetteifernd an Schönheit und Duft. Den Blüten der Ulmen und Weiden Nur fehlt dieser kluge Sinn, Denn lose fliegen die beiden Als Schnee durch die Luft dahin.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 83.
  • You gan san shou (2) "Qun er bian chi xue guan fu" 有感三首(其二)"群兒鞭笞學官府": Die Prügelstrafe (Zhang Lei 張耒)
    Die Knaben peitschen und prügeln gern Und machen es wie die Behörden. Sie reizen zum Spotte den alten Herrn, Daß so dumm sie und wild sich gebärden. Der Alte ernannt wird zum Magistrat, Läßt peitschen die Leute und schmähen. Ist größere Tugend in dieser Tat Und größere Weisheit zu sehen? Die Knabenschar spielt Beamte wohl Und des Prügelns Freude genießet, Doch wenn der Alte peitschet im Groll, Das Blut auf die Erde stets fließet. Und wenn man die beiden Spiele vergleicht, Wer ist dann der Tor, wer der Weise? Ich lache des Alten; an Tugend erreicht Er die Knaben in keiner Weise.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 153f.
    in: Oehlke, Waldemar. Chinesische Lyrik und Sprichwörter. Bremen-Horn: Walter Dorn-Verlag, 1952. p. 88.
    Translation quoted from "Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit (Hamburg 1929) p. 153f.
  • You ju 幽居: Beschaulichkeit (Wei Yingwu 韋應物)
    Mögen Vornehm und Gering auch Sich in manchem unterscheiden, In dem ruhelosen Hasten Gleichen dennoch sich die beiden. Niemals laß ich fort mich reißen Von der Dinge wildem Drange. Ich genieße steten Frieden, Lebe ganz nach meinem Hange. Wenn des Nachts ein leichter Regen Auf die Erde niederfließet, Acht’ ich’s kaum, ob dann am Morgen Schon das Frühlingsgrün ersprießet. Plötzlich seh’ den grünen Berg ich Hell im Sonnenscheine liegen, Und ich höre Vögel singen, Die um meine Hütte fliegen. Häufig trifft man mich zusammen Mit dem Mann der wahren Lehre, Doch ich folge auch dem Waldmann Und mit Holzhauern verkehre. Und so lebe ich zufrieden, Meiner Schwächen wohl bewußt mir, Nicht als ob den Glanz des Lebens Zu verachten, eine Lust mir.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 80f.
  • You lang ya shan 遊瑯琊山: Im Walde (Ouyang Xiu 歐陽修)
    Mit tiefem Schnee bedecket, Der Südberg ragt empor, Doch, wo der Schnee gewichen, Scheint hell das Grün hervor. In allen Bergesschluchten Da weht die Luft so lind, Daß alle Pflaumenbäume Bedeckt mit Blüten sind. Das Reisen als Gesandter Ward mir zum Überdruß, Drum laß ich Pferd und Wagen An dieses Berges Fuß. Ich wink' mir einen Alten, Dieweil mein Lied erschallt, Mit dem ich rüstig schreite Hin durch den grünen Wald. Die hohen Tannen werfen Die langen Schatten weit. Schön ruht es auf dem Felsen Sich dort in Trunkenheit. Wie lieblich auch zu lauschen Am Berg der Vöglein Schlag! Auf meiner Zither ahm' ich Der Quelle Rieseln nach. Hier möcht' ich ewig weilen, Verlassen nie den Ort. Doch ach, es drängt das Leben Und reißt mich wieder fort. Bei meiner Heimkehr merkt' ich, Wie weit ich fürbaß ging, Als an dem Bergesgipfel Der helle Mond schon hing.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 144.
  • You san yun 又三韻: Unermüdlich (Xiao Gang 蕭綱)
    Sobald herab des Abends Der Perlenvorhang fällt, Verhüllt vor jedem Blicke Er ihre Reize hält. Dann strömt aus dem Gemache Ein blum'ger Hauch hervor; Der duft'gen Kerze Schimmer Durchflirrt des Bettes Flor. Wie lange hinter'm Fenster Aus Glas sie wohl noch wacht? Die Nadel emsig führend So näht sie Nacht für Nacht.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 60.
  • You suo si 有所思: Der Treulose (Fei Chang 費昶)
    Abends, wenn zum Hort die Krähen Ziehn in Schang-lin-yuan, Und die Sonn' will untergehen Bei der Stadt Tschang-an, Denk' ich traurig, dass ich meinen Schatz nicht sehen soll, Auf den rothen Treppensteinen Steh' ich kummervoll. Wenn der Vorhang sich beweget, Hoff' ich, er sei da, Und wenn sich der Donner reget, Dass sein Wagen nah'. Ach! im Norden sind die Frauen Alle wunderschön, Und es mögen wohl die schlauen Ihm den Kopf verdrehen. Dort wohl würde ich ihn finden, Ab vom Weg geirrt. Nicht von Eifersucht, der blinden, Wird mein Herz verwirrt.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 68.
  • You suo si "Wo si xian ren" 有所思“我思仙人”: Maku (Li Bai 李白)
    Zu einer schönen Nymphenmaid Ich mich in Lieb' verzehre. Ach! sie wohnet im Osten weit, Jenseits vom grünen Meere. Kalt ist die öde See, es stürmt; Weiße schäumende Wellen, Bergeshoch aufeinander getürmt An P'eng-hu's Ufern zerschellen. Hoch der Walfisch das Wasser bläst, Kein Schiff wagt sich hinüber. Halte die Hand auf's Herz gepreßt, 'S fließen die Augen mir über. Kommt vom Westen ein Vogel blau, Ostwärts gerichtet die Schwingen, Einen Brief ich ihm anvertrau', Soll ihn an Maku bringen.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899.
    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 54.
  • You suo si "Shui yan sheng li jiu" 有所思 "誰言生離久": Stilles Gedenken (Xiao Yan 蕭衍)
    Warum nur glaubet man, Es sei nach meinem Sinn, Dass ich von meinem Schatz So lang geschieden bin? Es haftet sein Parfum Noch jetzt mir am Gewand; Noch halt ich seinen Brief, Noch ist er nicht verbrannt. Vom doppelfäd'gen Gurt, Der meinen Leib umschliesst, Träum' ich, dass unser Herz Zugleich umschlungen ist. Mein innerstes Gefühl Ich nicht zur Schau gern trag'; Wie eine schöne Blum' Die man nicht knicken mag.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 55.
  • You zhou hu ma ke ge 幽州胡馬客歌: Gegen die Hsiung-nu (Li Bai 李白)
    Der Yu-tschou Held reitet ein Roß der Prärien, Trägt Tigerfellmütze; sein Auge ist grün. Die feindlichen Pfeile schlägt er lächelnd zur Seit'. Von zehntausend Mannen steht ihm keiner im Streit. Er trifft mit dem Bogen, den mondgleich er biegt, Die weiße Wildgans, die in Wolkenhöh' fliegt. Knallt laut er die Peitsche, zur Jagd geht es dann; Er schweift in die Ferne bis hin nach Lou-lan. Heraus aus dem Tor, schaut er rückwärts nicht mehr. Für's Vaterland sterben, daß deucht ihn nicht schwer. Da sind die fünf Fürsten der wilden Hsiung-nu, Sie wüten und morden und halten nie Ruh'. Ihr Rind und Pferd graset im Baikal-Revier. Das Fleisch essen roh sie, wie reißende Tier'. Und wenn sie auch wohnen in Yen-tschi-schan's Näh', So spüren doch kaum sie den eisigen Schnee. Die Frau'n machen lächelnd zu Pferd ihren Ritt, Mit Backen wie Schalen von rotem Nephrit. Die flüchtigsten Tiere ihr Pfeilschuß erlegt, Sie taumeln im Sattel, vom Weine erregt. Der Glanz der Plejaden erstrahlt weit und breit, Da schwärmen wie Wespen die Horden zum Streit; Den blitzenden Klingen enttrieft rotes Blut. Den Sandboden färbend mit purpurner Glut. Welch' Feldherr erprobet uns führen jetzt soll! So seufzet ermattet manch' Streiter wohl. Wann endlich hört auf nur des Sirius Dräu'n, Daß Vater und Sohn sich des Friedens erfreun?

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 33f.
  • You zhou ma ke yin ge ci (3) "Nan shan zi yan gao" 幽州馬客吟歌辭 (其三) "南山自言高": Gleichheit (Anonymous (Lu Qinli))
    Es mag der Südberg noch so sehr sich spreizen, Er ist doch mit dem Nordberg nur gleich hoch. Die Jungfrau ziere sich mit ihren Reizen, In eines Gatten Arme sinkt sie doch.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 90.
  • You zhou ma ke ying ge ci (2) "Ying ying zhang zhong zhu" 幽州馬客吟歌辭 (其二) "熒熒帳中燭": Carpe diem (Anonymous (Lu Qinli))
    Es flackert hinter'm Vorhang noch die Kerze; Nur noch ein Augenblick, so ist's vorbei. Verschmähet nicht der Jugend heit're Scherze: Verwelkte Frühlingsblumen blüh'n nie neu!

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 90.
  • You zi yin 遊子吟: Mutterliebe (Meng Jiao 孟郊)
    Es hält die gute Mutter Den Faden in der Hand, Will nähen ihrem Sohne, Der fortzieht, das Gewand. Sie stopft ihm vor der Reise Die Löchlein, die sie fand, Besorgt, daß spät erst kehre Er heim in's Vaterland. Wie könnte je das Pflänzchen Der Sonne zugewandt, Die Strahlenflut vergelten, Die sie im Lenz gesandt.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 83.
  • Yu guan ji chang an zhu bu 玉關寄長安李主簿: In der Ferne (Cen Shen 岑參)
    Von Tsch'ang-an zog ich nach Osten Viel tausend Li über Land, Warum keine einzige Zeile Erhielt ich von Freundes Hand? Schau' ich vom Jad' Paß nach Westen, Springt fast mir das Herz entzwei, Zumal, wenn ich denk, daß morgen Bereits ein Jahr vorbei.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 79.
  • Yu shi tai yu huai zhu bai si shou (2) Huai 禦史臺榆槐竹柏四首(其二)槐: Die Sophora (Su Shi 蘇軾)
    O, ich denke noch zurück An mein Heimgelangen: Bäum' und Sträucher ließen schon Dürr die Zweige hangen. Eine Sophora noch bot Trotz den Herbsteswettern, Und die Grillen hingen noch Fest an ihren Blättern. Wieviel ihrer mögen wohl Auf dem Baum noch leben? An den Zweigen hier und dort Sieht man Kapseln schweben. Trotz der Kälte auf dem Ast Sitzt die schwarze Krähe. Klagend krächzt sie, und sie pickt Hungrig in dem Schnee. Traurig an der Sophora Hängt ihr Nest zertrümmert, Und des fahlen Mondes Bild Durch die Zweige schimmert. Hat die Krähe Flügel nicht Um davon zu eilen? Will mir wohl Gefährtin sein, Meinen Kummer teilen.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 146.
  • Yu yu wei zhi lao er wu zi fa yu yan tan zhu zai shi pian jin nian dong ge you yi zi xi zuo er shi yi yi xiang he yi yi zi chao (2) 予與微之老而無子發於言歎著在詩篇今年冬各有一子戲作二什一以相賀一以自嘲(其二): Der Spätgeborene (Bai Juyi 白居易)
    Mir achtundfünfzigjährigem Mann Ward noch ein Sohn geschenket. Ich weiß nicht, ob ich freun mich kann, Ob nicht vielmehr es mich kränket. Daß sie nur eine Perle trug, Das tut der Muschel wehe. Acht Jungen sind mehr als genug, Doch nicht für eine Krähe. Des Zimmtbaums Früchte spät erst sind Im Herbst hervorgeschossen, Doch schon im lauen Frühlingswind Sieht man Päonien sprossen. Ich nehm' den Becher in die Hand Und leer' darauf den vollen: "Nie mögest du an Unverstand Dem Vater gleichen wollen."

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 93f.
    in: Oehlke, Waldemar (ed.). Seele Ostasiens. Chinesisch-japanischer Zitatenschatz. Berlin: F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung, 1941. p. 155.
    in: Fink-Henseler, Roland W. (ed.). Brevier fernöstlicher Weisheit. Sprichwörter, Aphorismen und Gedichte aus Japan und China. Bayreuth: Gondrom Verlag, 1984. p. 119.
    Note that in "Brevier fernöstlicher Weisheit" and "Seele Ostasiens" the translation is missing the second and third paragraph as well as the title of the translation.
  • Yuan qing "Mei ren juan zhu lian" 怨情 “美人卷珠簾”: Die Weinende (Li Bai 李白)
    Den Perlenvorhang schlug zurück die Maid, Die zarten Brauen trüb' zusamm' gepreßt, Von Tränentropfen ihre Wang' genäßt, So saß sie da in tiefer Einsamkeit. Ich möcht' wohl wissen, wem ihr Groll Gilt, dessen jetzt ihr Herz so voll.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899.
    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 56.
  • Yuan shi 怨詩: Der Fächer (Ban Jieyu 班婕妤)
    Aus einem Seidenstücke zart, Wie Schnee und Reif, so weiss, Der Fächer hier geschnitten ward, Rund wie des Vollmonds Kreis. Im Aermel und im Busen auch Mein Herr ihn mit sich führt. Es weht ihn an ein kühler Hauch, Wenn seine Hand ihn rührt. Doch ach! schon kommt die Sonnenwend', Ein frischer Herbstwind weht. Der Sommer ist nunmehr zu End', Die Sonnengluth vergeht. Den armen Fächer fasst mein Herr, Wirft in den Kasten ihn, Denn er hat seine Gunst nicht mehr Und seine Zeit ist hin.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 11.
    in: Oehlke, Waldemar. Chinesische Lyrik und Sprichwörter. Bremen-Horn: Walter Dorn-Verlag, 1952. p. 45.
  • Yue xia du zhuo si shou (1) "Hua jian yi hu jiu" 月下獨酌四首(其一)“花間一壺酒”: Trinklieder, I, "Ich sitze in einem Blütenhain" (Li Bai 李白)
    Ich sitze in einem Blütenhain, Vor mir voll Wein eine Kann' Ich muß ihn trinken für mich allein, Denn es fehlt mir ein Zechkumpan. Wohlan! ich hebe den Becher empor Und lade den Mond mir ein. Sieh da! Dort kommt auch mein Schatten hervor. Hallo'! jetzt sind wir zu drei'n. Allein mein lieber Freund der Mond Versteht sich auf's Trinken nur schwach, Mein Schatten hingegen ist's besser gewohnt, Er tut es in allem mir nach. Sobald ich ein wenig berauscht vom Wein, Der Mond den Schatten mir bringt. Drum will ich heiter und fröhlich sein, Da hold mir der Frühling winkt. Kaum laß ich ertönen meinen Gesang, So wiegt sich der Mond hin und her, Und jedesmal, wenn ich zu tanzen anfang', So hüpft auch mein Schatten umher. Wir halten zusammen fröhliche Zech', Solang wir noch nüchtern sind, Doch geht ein jeder den eigenen Weg, Sobald erst der Rausch beginnt. Wir können nicht immer beisammen sein: Möcht wandern nicht früh noch spat. Drum sei unser nächstes Stelldichein, Wenn der Mond der Milchstraße naht.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899.
    in: Kürschner, Josef. China. Schilderungen aus Leben und Geschichte, Krieg und Sieg. Ein Denkmal den Streitern und der Weltpolitik. Leipzig: Verlag von Hermann Zieger, 1901.
    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 44.
    in: Oehlke, Waldemar. Chinesische Lyrik und Sprichwörter. Bremen-Horn: Walter Dorn-Verlag, 1952. p. 60f.
  • Yue xia du zhuo si shou (1) "Hua jian yi hu jiu" 月下獨酌四首(其一)“花間一壺酒”: No title ("Wohlan! ich erhebe den Becher empor") (Li Bai 李白)
    Wohlan! ich hebe den Becher empor Und lade den Mond mir ein. Sieh da! Dort kommt auch mein Schatten hervor. Hallo! jetzt sind wir zu drei'n. Allein mein lieber Freund der Mond Versteht sich aufs Trinken nur schwach, Mein Schatten hingegen ist's besser gewohnt, Er tut es in allem mir nach.

    in: Oehlke, Waldemar (ed.). Seele Ostasiens. Chinesisch-japanischer Zitatenschatz. Berlin: F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung, 1941. p. 151.
    partial translation of v. 1-6.
  • Yue xia du zhuo si shou (2) "Tian ruo bu ai jiu" 月下獨酌四首(其二)“天若不愛酒”: Trinklieder, II. "Wenn nicht der hohe Himmel dem Wein wäre ergeben" (Li Bai 李白)
    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899.
  • Yue xia du zhuo si shou (3) "San yue xie yang cheng" 月下獨酌四首(其三)“三月咸陽城”: Trinklieder, III, "Hsien-yang beginnt zu blühen" (Li Bai 李白)
    Hsien-yang beginnt zu blühen Zur holden Zeit der Maien: Viel tausend Blumen glühen Wie Seidenstrickereien. Wer bleibt in diesen Tagen Des Lenz in Schmerz versunken? Jetzt heißt's, bei froh'n Gelagen Vom Weine frisch getrunken! Mühsale, Glück und Frieden Auch kurz' und langes Leben: Es wird uns all'n hienieden Vom Schicksal nur gegeben. Ein Humpen voll! – dann achtet Man gleich: tot und lebendig, Die Dinge man betrachte Als einerlei vollständig. Wenn man berauscht vom Weine, Dann hört man auf zu wissen Von dieser Welt; alleine Ruht man auf seinem Kissen. Zum höchsten Glück erlesen Ist man, wenn man verlieret Die Ahnung, daß als Wesen Man selber existieret.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899.
    in: Kürschner, Josef. China. Schilderungen aus Leben und Geschichte, Krieg und Sieg. Ein Denkmal den Streitern und der Weltpolitik. Leipzig: Verlag von Hermann Zieger, 1901.
    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 45f.
  • Yue xia du zhuo si shou (4) "Qiong chou qian wan duan" 月下獨酌四首(其四)“窮愁千萬端”: No title ("So groß auch immer der Sorgen Zahl") (Li Bai 李白)
    So groß auch immer der Sorgen Zahl Und wenig dagegen der Wein, Sobald man hat geleert den Pokal, Stellt keine Sorge sich ein. Daran gerade erkennt man so recht, Daß der Wein etwas Heil'ges sei: Er macht, sobald man genügend gezecht, Die Seele klar und frei.

    in: Oehlke, Waldemar (ed.). Seele Ostasiens. Chinesisch-japanischer Zitatenschatz. Berlin: F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung, 1941. p. 151.
    in: Fink-Henseler, Roland W. (ed.). Brevier fernöstlicher Weisheit. Sprichwörter, Aphorismen und Gedichte aus Japan und China. Bayreuth: Gondrom Verlag, 1984. p. 120.
    Excerpt of verses 1-6.
  • Yue xia du zhuo si shou (4) "Qiong chou qian wan duan" 月下獨酌四首(其四)“窮愁千萬端”: Trinklieder, IV. "Wenn tausendfach auch die Sorgen sind" (Li Bai 李白)
    Wenn tausendfach auch die Sorgen sind, Und rücken sie noch so schwer, Man trinke dreihundert Becher geschwind, Dann fühlt man sie nicht mehr. So groß auch immer der Sorgen Zahl Und wenig dagegen der Wein, Sobald man hat geleert den Pokal, Stellt keine Sorge sich ein. Daran gerade erkennt man so recht, Daß der Wein etwas Heil'ges sei: Er macht, sobald man genügend gezecht, Die Seele klar und frei. Einst starben in Schou-yang den Hungertod Die Freunde Pao-schu und Kuan-yi. Gar häufig darbte um's tägliche Brot Einsam der berühmte Yen-hui. Es haben die Weisen im Altertum Sich nicht am Trinken ergötzt, Erwarben statt dessen Eitelen Ruhm; Was nützet er ihnen jetzt! Aus den Krebsscheren wir saugen woll'n Den goldenen Lebenssaft, Die Hefenberge erscheinen uns soll'n Als elysische Berglandschaft. Wohlauf, ihr Freunde, schenkt euch ein Von des Weines herrlichem Naß. Wir trinken uns dann im Mondschein Einen Rausch auf hoher Terrass'.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 46f.
  • Yue ye "Ping sheng zui hao yue" 月夜 "平生最好月": Herbstmond (Kong Pingzhong 孔平仲)
    Dem Monde hat gegolten Stets meine Schwärmerei, Besonders jetzt im Herbste, Wenn fast die Nacht vorbei. Der Wind ist sein Begleiter, Er stürmt an ihm entlang. Dicht fällt der Tau hernieder, Spült seine Scheibe blank. Ich heb' das Haupt und blicke Empor zu lichten Höh'n ; Von reinem Glanz umflossen Sind sie bezaubernd schön. Die vielen Sterne ziehen Die Strahlenbündel ein, Des Himmelsstromes Wellen Geben nur matten Schein. Auch nicht das kleinste Wölkchen Man jetzt am Himmel sieht, Dran hängt die Mondesscheibe Weiß glänzend wie Nephrit. Still ist es in der Runde Und schimmert silberweiß. Es rauscht im kühlen Haine, Die Bäume flüstern leis'. Auf nächt'ge Ruh verzichtet Hab' für den Mond ich nur. Ich wandre auf und nieder, Bald stockt die Wasseruhr. Ich bin emporgestiegen An einen hohen Ort, Und deutlich vor mir liegen Seh' Berg und See ich dort. Der kalte Hauch verdichtet Zu Eis und Schnee gefror. Aus reinem Herzen wuchsen Zwei Flügel mir hervor. Gen Himmel möcht' ich fliegen Und schweben ohne Rast, Den Weltenraum durcheilen Bis zu dem Mondpalast. Den Körper würd' ich baden Wohl in dem Himmelssee Und darauf weiterfliegen In seliger Geister Näh'.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 149-151.
  • Za yong shi "Bei kong mian shu jue" 雜詠詩 "被空眠數覺": Winternacht (Xiao Gang 蕭綱)
    Eisig ist's, ich lieg' im Bett' Zwischen Schlaf und Wachen; Hin und her, vom Wind durchweht, Meine Vorhäng' schlagen. Wenn der Gaze Wogen wär' Wellenschlag, und ich daher Führ' zu ihm im Nachen!

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 62.
  • Zeng gu ren ma zi qiao shi liu shou (2) "Han hui mie geng ran" 贈故人馬子喬詩六首 (其二) "寒灰滅更燃": Liebe und Leid (Bao Zhao 鮑照)
    Asche, die fast kalt Oft auf's Neu' erglüht, Und die matte Blum' Morgens neu erblüht. Eiskrystalle, die Lenzenshauch zersprengt, Doch des Winters Arm Neu zusammenzwängt. Allzu oft ist fern Der Geliebte mein, Weilt nur kurze Zeit, Lässt mich dann allein. Wen'ge Stunden nur Lacht die Liebe mir, Aber Jahre lang Leide ich dafür.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 45.
  • Zeng gu ren ma zi qiao shi liu shou (6) "Shuang jian jiang bie li" 贈故人馬子喬詩六首 (其六) "雙劍將別離": Die Zauberschwerter (Bao Zhao 鮑照)
    Als einst das berühmte Schwertpaar Auseinander ist gekommen, Hat zuvor in ihrem Kasten Man ein hell' Geklirr vernommen. Abend wollte es schon werden, Aus dem Nebel troff der Regen, Dieser Zeitpunkt war es, als man Schied die beiden edlen Degen. Es versank im Wu das Mann-Schwert, Fand im Wasser seine Ruhstatt; Eilig trug man fort das Weib-Schwert, Es gelangte in die Tschu-Stadt. Tief gar ist das Bett des Wu-Fluss, Man kommt niemals bis zum Grunde, Und von hohen Thurmdach-Thoren Starrt die Tschu-Stadt in die Runde. Eine grosse Tennung war es Wie des Himmels und der Erde. Nicht die Helle, nicht das Dunkel Nur die Einigung erschwerte. Doch zwei Zauberschwerter lassen Schwerlich sich auf ewig scheiden; Sicher sind nach tausend Jahren Wiederum vereint die beiden.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 46.
  • Zeng wei ba chu shi 贈衛八處士: An einen Freund (Du Fu 杜甫)
    Oft kommen Freunde im Leben Nicht an denselben Ort, Wie Orion und Venus streben Sie von einander fort. Heut' Nacht wir beide vereinet! Sag' an, was ist geschehn? Dieselbe Lampe bescheinet Hell unser Wiedersehn. Wie schnell vergehn die Jahre Der goldenen Jugendzeit. Schon hat uns Bart und Haare Ein leichter Reif beschneit. Viel Freunden und Bekannten Schlug schon die Todesstund'. Schreck mir und Schmerz entbrannten In tiefstem Herzensgrund. Wer dachte, daß nach zwanzig Jahren einst noch einmal, In vollem Lebensglanz ich Einträte in deinen Saal? Als einst wir schieden vor Jahren, Sprachst du noch nicht vom Frei'n, Jetzt plötzlich nennst du Scharen Von Knaben und Mägdlein dein. Den Freund des Vaters empfangen Sie froh mit Höflichkeit, Fragen, wie mir's ergangen, Und ob die Reise weit. Bevor noch auf alle Fragen Die Antwort ward erteilt, Sind Wein herbeizutragen Die Knaben davongeeilt. Bei nächtigem Regen spreiten Die Kinder das Frühlingslauch; Zu frischem Reis bereiten Sie gelbe Hirse auch. Der Freund klagt, daß wir beide, So selten zusammen sei'n, Und trinkt in seiner Freude Mir zu zehn Becher Wein. Zehn Becher ich nicht scheue Und auch nicht trunken ward, Gerührt tief durch die Treue, Die du mir hast bewahrt. Durch Bergeshöhen morgen Sind wir bereits getrennt. Die Zukunft bleibt verborgen; Keiner sein Schicksal kennt.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 60f.
  • Zeng wei ba chu shi 贈衛八處士: Wie schnell vergehn die Jahre (Du Fu 杜甫)
    Wie schnell vergehn die Jahre Der goldenen Jugendzeit. Schon hat uns Bart und Haare Ein leichter Reif beschneit. Viel Freunden und Bekannten Schlug schon die Todesstund'. Schreck mir und Schmerz entbrannten In tiefstem Herzensgrund. Durch Bergeshöhen morgen Sind wir bereits getrennt. Die Zukunft bleibt verborgen; Keiner sein Schicksal kennt.

    in: Oehlke, Waldemar (ed.). Seele Ostasiens. Chinesisch-japanischer Zitatenschatz. Berlin: F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung, 1941. p. 109f.
  • Zhan cheng nan 戰城南: Elend des Krieges (Li Bai 李白)
    Letztes Jahr kämpfte man An der Quelle des Sang-kan, Dieses Jahr aber ficht Man am Ufer des Ts'ung Fluß. In den Well'n des T'iao-tschi Sees Wäscht von Blut man rein die Waffen, Und man läßt die Rosse streifen Auf T'ien-schan's beschneiten Almen. Zehntausend Li weit Wogt und tost der Kampf, Und drei Heere sind Schon zertrümmert. Mit Sengen und Morden bestell'n die Hsing-nu ihr Feld, Die gelbe Sandwüste, Mit weißen Totenknochen besät; Seit Alters haben sie's nie anders gekannt. Gegen die Mongolen baute Das Haus Tch'in die Große Mauer, Auf den Wachttürmen entfachte Das Haus Han die Signalfeuer. Nie erlischt die Glut Und nie ruht der Kampf. Auf dem Schlachtfeld sinkt, Zerstochen und zerhau'n, Mancher Krieger hin. Das zu Tode getroffene Roß Stößt zum Himmel seinen Schrei. Von der Brust der Leichen reißen Rabe und Sperber das Fleisch, Es im Schnabel haltend, fliegen Sie auf einen dürren Ast. Still im Grase ruhn Schon die Streiter all', Und der Feldherr steht Jetzt vereinsamt da. All dieses Elend bringt uns, ach! Das Schwert allein, das Mordwerkzeug. Drum greift danach der heilige Mann Nur in der allergrößten Not.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899.
    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 38.
  • Zhan cheng nan 戰城南: No title ("Die gelbe Sandwüste") (Li Bai 李白)
    Die gelbe Sandwüste, Mit weißen Totenknochen besät; Seit Alters haben sie's nie anders gekannt. Gegen die Mongolen baute Das Haus Tch'in die Große Mauer, Auf den Wachttürmen entfachte Das Haus Han die Signalfeuer. Nie erlischt die Glut, Und nie ruht der Kampf.

    in: Oehlke, Waldemar (ed.). Seele Ostasiens. Chinesisch-japanischer Zitatenschatz. Berlin: F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung, 1941. p. 56.
    in: Fink-Henseler, Roland W. (ed.). Brevier fernöstlicher Weisheit. Sprichwörter, Aphorismen und Gedichte aus Japan und China. Bayreuth: Gondrom Verlag, 1984. p. 48.
    Translation covers lines 8-12.
  • Zhe yang liu ge ci (2) "Fu zhong chou bu le" 折楊柳歌辭 (其二) "腹中愁不樂": No title ("In mein bekümmertes Herz hinein") (Anonymous (Lu Qinli))
    In mein bekümmertes Herz hinein Keine Freude dringet. O ich möchte die Peitsche sein, Die mein Liebster schwinget. Würde bei Ausfahrt und Heimkehr fest In seinen Armen liegen, Wenn auf dem Sitz er sich niederläßt, An seine Knie mich schmiegen.

    in: Oehlke, Waldemar (ed.). Seele Ostasiens. Chinesisch-japanischer Zitatenschatz. Berlin: F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung, 1941. p. 71.
    in: Fink-Henseler, Roland W. (ed.). Brevier fernöstlicher Weisheit. Sprichwörter, Aphorismen und Gedichte aus Japan und China. Bayreuth: Gondrom Verlag, 1984. p. 85.
  • Zhe yang liu ge ci (2) "Fu zhong chou bu le" 折楊柳歌辭 (其二) "腹中愁不樂": Die Peitsche (Anonymous (Lu Qinli))
    In mein bekümmertes Herz hinein Keine Freude dringet. O, ich möchte die Peitsche sein, Die mein Liebster schwinget! Würde bei Ausfahrt und Heimkehr fest In seinem Arme liegen, Wenn auf dem Sitz er sich niederlässt, An seine Knie' mich schmiegen.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 90.
  • Zhen yi jiu "Bo xue pi yun de ru hong" bing yin 真一酒 "撥雪披雲得乳泓" 並引: Der wahre Wein (Su Shi 蘇軾)
    Als der Schnee, die Wolken wichen, Ist das süße Naß entquollen. Wieder scheint's, als ob die Bienen Mich betrunken machen wollen. Reis hängt nieder, Weizen reckt sich: Yin und Yang sind so gereinigt, Dazu frisches Quellenwasser, Die Gefäße gut gereinigt. Graut der Tag, so glüht mein Antlitz, Und im Kopfe fühl ich Schwere. Frühlingswehen dringt ins Mark mir, Ohne daß es hörbar wäre. Su Tung-p'o wird sein rarer Wein noch Ruhm und Ehre bringen. Mit den Tsching-tschou Keltermeistern Kann er um die Palme ringen.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 139-140.
  • Zhong ye qi wang xi yuan zhi yue shang 中夜起望西園值月上: Nacht (Liu Zongyuan 柳宗元)
    Ich wache auf und lausche: In Mengen fällt der Tau; Und öffnend meine Türe Ich in den Garten schau'. Vom Gipfel des Berges im Osten Blickt nieder der Mond gar kalt. Die Bambusschäfte rauschen Von seinem Glanz bestrahlt. Die Quelle hört in der Ferne Man rieseln im Gestein Und plötzlich auch am Berge Laut einen Vogel schrein. Ich lehnte an eine Säule, Bis daß es wurde licht, In tiefes Sinnen versunken, Und Worte fand ich nicht.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 98f.
  • Zhuo nuo ge (1) "Su gu nan chong fu shi jiu" 捉搦歌 (其一) "粟穀難舂付石臼": Der Frauen Beruf (Anonymous (Lu Qinli))
    Will Hirse sich nicht stampfen lassen, Muss Mörser man aus Stein verwenden. Zerriss'ne Kleider, die nicht wärmen, Vertraut man klugen Frauenhänden. Der Männer tausendfache Nöthe Beschäft'gung und Verdienst gewähren. Die unvermählte alte Jungfer Ist nur ein Mund mehr zu ernähren.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 89f.
  • Zi jun zhi chu yi 自君之出矣: Sonne und Mond (Liu Jun 劉駿)
    Seitdem fort der Liebste mein, All mein Schmuck von Golde Ganz verlor den hellen Schein, Nicht mehr glänzen wollte. Wie die Sonn', der Mond ist er! Schnell bei seiner Wiederkehr Nacht-Tag werden sollte.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 40.
  • Zi liu ma "Qian qie chao xia ji" 紫騮馬 "賤妾朝下機": Heimkehr (Xiao Gang 蕭綱)
    Als sie am Morgen hatte Zu weben aufgehört, War der geliebte Gatte Von fern zurückgekehrt. Der blanke Bügel leuchtet Am Quast von grüner Seid'; Des Fuchses Schweiss befeuchtet Das duft'ge Reisekleid. Des Rosses Kopfzier klirret, Dieweil es schnaubt und stampft, Vom Hufschlag aufgerühret Der Staub in Wolken dampft. Sie bringt dem Manne Speise, Holt Wasserkorn herbei, O, dass nicht durch die Reise Sein Herz verändert sei!

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 57.
  • Zi ye si shi ge. Chun ge si shou (3) "Zhu ri guang su bing" 子夜四時歌。春歌四首 (其三) "朱日光素冰": Frühlingsbotschaft (Xiao Yan 蕭衍)
    Sieh, der Sonne Purpurgluthen Auf die Eiskrystalle fluthen; Durch den Schnee gelb' Blümlein scheint. Will dem Schatz ein Zweiglein schicken, Hoffend, dass wir noch erblicken Diesen Frühlingsmond vereint.

    in: Forke, Alfred. Blüthen chinesischer Dichtung. Magdeburg: Commissionsverlag: Faber'sche Buchdruckerei, A. & R. Faber, 1899. p. 55.
  • Zui shui zhe 醉睡者: Trunkenheit (Su Shi 蘇軾)
    Der Weg ist schwer, drum dünkt ihn besser, trunken sein. Auch sprechen fällt ihm schwer, drum schweigt er und schläft ein. Es ruht der Meister hier berauscht bei diesem Stein. Daß dieses Weisheit, sah'n die Alten noch nicht ein.

    in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 147.